Die Plastikkrise ist auch eine Gesundheitskrise für Frauen

by Fayrouz on 14. April 2026 No comments

Wir sprechen oft von Plastikverschmutzung, als handle es sich dabei lediglich um ein Umweltproblem oder um ein Abfallproblem, etwas das erst am Ende der Lebensdauer eines Produkts eine Rolle spielt. Nicht gesammelter oder schlecht entsorgter Abfall verschmutzt Luft, Boden und Wasserquellen. Plastikmüll, ob klein oder gross, findet sich in den Körpern von Meeresschildkröten und verschiedenen Meerestieren. Im Kern sind all dies reale und dringende Probleme, doch manchmal vergessen wir, dass es noch eine andere Geschichte gibt, die uns viel näher ist als andere Plastikprobleme: das Problem des Abfalls, der still und leise in unseren Körpern schlummert.

Jeden Tag ist unser Körper Zehntausenden von Petrochemikalien ausgesetzt – synthetische Chemikalien, die aus Erdöl und Erdgas gewonnen werden und zur Herstellung von Kunststoffen, Verpackungen, Kosmetika, Reinigungsmitteln und vielem mehr verwendet werden. Wir kommen mit ihnen über die Produkte, die wir verwenden, die Lebensmittel, die wir essen und die Luft, die wir atmen, in Kontakt. Das gilt für alle, doch leider sind die Auswirkungen nicht für alle gleich.

Tatsache ist, dass der weibliche Körper diese Chemikalien anders verarbeitet. Frauen haben in der Regel eine dünnere Haut, sodass Chemikalien aus Produkten, die mit ihrer Haut in Kontakt kommen, leichter aufgenommen werden. Frauen haben zudem einen höheren Körperfettanteil, sodass mehr fettlösliche Kunststoffchemikalien wie Phtalate und BPA letztendlich in ihren Körpern aufgenommen und dort gespeichert werden. Frauen sind durchschnittlich kleiner, was dazu führt, dass die Konzentration dieser Chemikalien höher ist. Ein langsamerer Stoffwechsel bedeutet, dass der weibliche Körper länger braucht, um sie auszuscheiden.

Diese Fakten sind nicht bloss biologische Randnotizen, die wir ignorieren können, weil sie zu banal klingen. Sie müssen unsere Sichtweise darauf verändern, wer die wahren Kosten der Plastikkrise trägt.

 

Der Körper speichert alles, was wir erleben

Plastik enthält zahlreiche hormonaktive Chemikalien – Substanzen, die unseren Hormonhaushalt stören. Für Frauen, deren Gesundheit ihr ganzes Leben lang so eng mit dem Hormonhaushalt verbunden ist, kann diese Störung schwerwiegende Folgen haben.

Während der Pubertät, der Schwangerschaft und in der Perimenopause befindet sich der weibliche Körper in einem Umbruch, was bedeutet, dass selbst die geringste Belastung durch Schadstoffe in diesen entscheidenen Phasen nicht nur das Risiko erhöht, sondern auch deren Auswirkungen verstärkt. Diese Chemikalien stehen im Zusammenhang mit Fruchtbarkeitsproblemen, bestimmten Krebsarten und Diabetes. Letztendlich können sie eine vorzeitige Menopause auslösen und Symptome wie Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen verschlimmern.

Leider beschränkt sich diese Auswirkung nicht auf eine Generation. Frauen geben während der Schwangerschaft und Stillzeit unwissendlich Giftstoffe aus ihrem Körper an ihre Kinder weiter: Eine Zeit, an die sich Frauen ihr Leben lang erinnern, wird so zu einer stillen Weitergabe von Giftstoffen, noch bevor die Babys ausserhalb des Mutterleibs Luft atmen.

 

Das eigene Zuhause ist kein sicherer Ort mehr

Durch traditionelle Rollenverteilung im Haushalt kommen Frauen häufiger und intensiver mit Chemikalien in Kontakt, die in verschiedenen Haushaltsartikeln enthalten sind, wie beispielsweise Reinigungsmitteln, Verpackungen und Handschuhen aus synthetischem Gummi, die ironischerweise als „Schutz“ verkauft werden, aber tatsächlich eine Belastung darstellen.

Plastikchemikalien werden in Produktformeln verwendet, um Duft, Farbe, Textur und eine längere Haltbarkeit zu erzielen und werden selten auf ihre Sicherheit geprüft, bevor sie in unseren Händen landen.

Dann ist da noch die Kosmetikbranche. Der Marketingdruck richtet sich gezielt an Frauen und drängt sie unaufhörlich dazu, Kosmetika, Körperpflegeprodukte, Parfüms und Hygieneartikel zu kaufen, die fast alle petrochemische Stoffe enthalten und in Plastik verpackt sind. Selbst die grundlegendsten Hygieneartikel bleiben von dieser Gefahr nicht verschont: Die meisten Damenbinden und Tampons, die für die breite Öffentlichkeit erschwinglich und leicht erhältlich sind, enthalten Plastik, das für den Körper schädlich ist.

In Kunststoffen wurden mehr als 16’000 Chemikalien nachgewiesen, und die meisten dieser Stoffe wurden noch nie auf ihre Sicherheit bei direkter und indirekter Exposition für Menschen – insbesondere für Frauen – geprüft. Von diesen gelten bereits ein Viertel als gefährlich, doch nur 6 % unterliegen einer Regulierung. Der Rest? Niemand kontrolliert das.

Da es keine strengen Vorschriften und keine klare Kennzeichnung der Inhaltsstoffe auf Produkten und Verpackungen gibt, haben Frauen keine Möglichkeit, die mit ihren täglichen Routinen verbunden Risiken zu erkennen oder zu verstehen.

 

Die gesundheitlichen Kosten des Broterwerbs

Bildnachweis: Mumtahina Tanni

Frauen sind in der Überzahl Beschäftige in Branchen mit hoher chemischer Belastung: Reinigungsgewerbe, Abfallwirtschaft, Textilindustrie und Landwirtschaft. Viele dieser Tätigkeiten fallen in den informellen Sektor, was bedeutet, dass es keine Vorschriften gibt, die die Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigen gewähleisten.

Diese Jobs werden meistens ohne angemessene persönliche Schutzausrüstung ausgeübt, fallen nicht unter den Arbeitsschutz, bieten keinen Anspruch auf Krankengeld und es fehlen Informationen über die Risiken, denen die Beschäftigten ausgesetzt sind oder sein werden. Lange Arbeitszeiten bedeuten eine ständige und intensive Belastung durch verschiedene Giftstoffe. Da diese Tätigkeiten zudem meist schlecht bezahlt sind, haben die Beschäftigten kaum Möglichkeiten, die Situation zu ändern.

Weltweit sind die meisten Müllsammler*innen, die auf offenen Mülldeponien arbeiten, Frauen. Die WECF berichtet, dass viele von ihnen das 30. Lebensjahr nicht überschreitet; und das ist keine Statistik aus längst vergangenen Zeit: das geschieht auch heute noch.

 

Dasselbe Plastik, unterschiedliche Auswirkungen

Bildnachweis: MART Production

Die Plastikkrise macht keine Unterschiede, wen sie betrifft, doch leider ist sie sehr selektiv darin, wie hart sie zuschlägt.

Frauen sind einer unverhältnismässig hohen chemischen Belastung ausgesetzt – durch ihre biologischen Körperfunktionen, ihre Rolle im Haushalt, die Arbeitsbedingungen, denen sie ausgesetzt sind und die überflüssigen Produkte, von denen ihnen eingeredet wird, dass sie sie brauchen. Trotz dieser zahlreichen negativen Auswirkungen werden Frauen nach wie vor viel zu selten in die Diskussionen einbezogen, in denen entschieden wird, was produziert, was reguliert und was gekeinnzeichnet wird.

Um dies zu ändern, brauchen wir mehr rechtlichen Schutz für Arbeitnehmende in Risikoberufen. Wir brauchen eine ehrliche Produktkennzeichnung. Wir brauchen Gesundheits- und Sicherheitsstandards, die auch im informellen Sektor gelten. Und wir brauchen mehr Frauen in den Gremien, in denen Entscheidungen und Vorschriften zu Chemikalien und zur Produktion getroffen werden.

Die Plastikkrise ist eine Krise für die Gesundheit von Frauen – das war schon immer so. Die Frage ist nur: Wie lange wollen wir noch so tun, als wäre das nicht der Fall?

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