Feuerwerk & Umwelt: Wie schädlich ist die Tradition für Natur, Mensch und Tier?

by Vee Meyners on 27. Oktober 2026 No comments

Weltweit explodieren über eine halbe Million Tonnen Feuerwerkskörper jedes Jahr. Die Kehrseite der bunten Tradition: Enorme Feinstaubbelastung, Müllberge und extremer Stress für die Tierwelt. Wir ziehen eine ehrliche Bilanz und zeigen, wie die Umweltbelastung durch Feuerwerk entsteht und welche Alternativen es bereits gibt.

In der Schweiz stehen genau diese oben genannten Abwägungen am 29. November zur Wahl: Das Volk stimmt über die sogenannte Feuerwerksinitiative, «Für eine Einschränkung von Feuerwerk», ab. Der Entwurf sieht vor, den Verkauf und das Zünden lauter Feuerwerkskörper durch Privatpersonen zu verbieten. Für Anlässe von überregionaler Bedeutung sollen die Behörden Ausnahmen bewilligen können.

Grosses öffentliches Feuerwerk

Grosses öffentliches Feuerwerk

Wir von Trash Hero stellen uns die Frage: Braucht Gemeinschaft oder ein «Anlass» eigentlich einen grossen physischen Knalleffekt?

Die Schattenseite für Umwelt und Gesundheit⁠

Wenn der Rauch verzogen ist, beginnt die Realität für unsere Gesundheit und Umwelt. Wir können messen, welchen Preis wir für wenige Minuten 🎆🎇🧨 bezahlen:

Feinstaub und unsere Gesundheit

Beim Verbrennen entsteht Feinstaub (engl. Particulate Matter, kurz: PM). Diese winzigen, festen oder flüssigen Schwebeteilchen sind so klein, dass sie direkt in unsere Atemwege, Blutbahnen und Organe gelangen können. PM₁₀, die ‘grösste’ Feinstaub-Kategorie ist nur etwa ein Fünftel der Dicke eines menschlichen Haares.

PM₂.₅ ist eine Teilmenge von PM₁₀, hat eine Verweildauer in der Atmosphäre von Tagen bis hin zu Wochen und kann bis zu 1’000 km zurücklegen, bevor es zu Boden sinkt.

Eine aktuelle Bewertung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat gezeigt, dass eine erhöhte PM₂.₅-Belastung in Zusammenhang mit schweren Gesundheitsauswirkungen (z.B. Herz-Kreislauferkrankungen) steht. Die WHO stuft Feinstaub (insbesondere auch Russpartikel) als gesichert krebserregend ein.

In der Schweiz machen die 200 bis 400 Tonnen Feinstaub aus Feuerwerken vom Nationalfeiertag und Silvester 2-3 % der jährlichen Emissionen aus. Am Tag nach Silvester ist die Luftbelastung mit gesundheitsgefährdendem Feinstaub vielerorts so hoch wie sonst im ganzen Jahr nicht und steigt weit über die vorgegebenen Grenzwerte. Soviel zum Thema “Gesunde Vorsätze für das Neue Jahr”!

Feinstaub in der Umwelt

Feinstaub belastet aber nicht nur uns, sondern auch Wälder, Felder und Gewässer. Die Mischung aus Chemikalien und Schwermetallen, die die bunten Farben am Himmel erzeugt, gelangt schliesslich in den Boden und ins Grundwasser, stört unser Ökosystem, übersäuert Flüsse und Seen und stellt eine dauerhafte Belastung dar.

Müllberge und Mikroplastik

Und dann ist da noch der Müll, den wir sehen können: Um genau zu sein, zwei Drittel eines Feuerwerkskörpers, wie eine Studie der Hochschule Pforzheim herausfand. Die Studie belegte auch, dass durch das Corona-bedingte Verkaufsverbot von Feuerwerkskörpern in Deutschland zum Jahreswechsel 2020/2021 insgesamt rund 3’500 Tonnen Plastikmüll eingespart wurden.

Etwa 10-15 % eines Feuerwerkskörpers sind Kunstharz und Plastik, das entweder als Standfuss oder Verpackungsfolie am Boden zurückbleibt oder als Teil des Geschosses in Hunderte kleine Teile, oft auch direkt zu Mikroplastik, zersplittert. Wenn diese in den Boden oder in lokale Gewässer gelangen, wandern sie über Nutzpflanzen und Fische direkt in unsere Nahrungskette. Was als unbemerktes Kleinstteilchen in der Umwelt beginnt, endet somit als direkte Belastung für unsere eigene Gesundheit.

Wir haben die schädigenden Auswirkungen von Mikroplastik auf unseren Körper detailliert in einem weiteren Blogbeitrag aufgearbeitet. Wenn du mehr über Mikroplastik erfahren möchtest, schau doch gern auch hier vorbei.

Bilder von am Strand gesammeltem Silvesterabfall vom Trash Hero chapter Lübeck

Gesammelter Silvestermüll von unserem Trash Hero Chapter in Lübeck

Die Folgen für Wild- und Haustiere

Feuerwerks-Lärm geht auch nicht spurlos an der Tierwelt vorbei. Rekordzahlen an Haustieren wie Hunden und Katzen entlaufen in der Silvesternacht in Panik. Bei Wildtieren führt der Stress zu hohem Energieverlust und kann zu direkten oder indirekten Verletzungen führen. Jedes Jahr gibt es Berichte über tote Tiere nach der Silvesternacht.

Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie analysierte Bewegungsdaten von 347 Gänsen, die bis zum Ende der Studie am 12. Januar nicht wieder in ihren gewohnten Flug- und Schlaf-Rhythmus zurückgefunden haben.

Hinweisschild in einer Tierarztpraxis in England zum Thema Feuerwerk und Gewitter, das einen verängstigten Golden Retriever zeigt

Hinweisschild in einer Tierarztpraxis in England zum Thema Lautstärke von Feuerwerk und Gewitter

Feste feiern, aber wie?

Uns geht es nicht darum, das Feiern zu verbieten oder Kultur und Tradition schlechtzureden. Uns geht es um eine ehrliche Bilanz: Stehen die wenigen Minuten 🎆🎇🧨wirklich im Verhältnis zu den langfristigen Folgen für Mensch, Umwelt und Tier?

Umweltfreundliche Alternativen und globale Feuerwerksverbote⁠

Es gibt immer mehr Initiativen und Städte, die Feste ohne die extremen Belastungen durch Rauch, Lärm und Mikroplastik feiern. Und wir haben Möglichkeiten für umweltfreundliche Spektakel, die genauso leuchtend und bunt sind wie traditionelle Feuerwerke:

  • Drohnen- und Lasershows;
  • Videomapping, das historische Fassaden durch Projektionen zum Leben erweckt;
  • Stimmungsvolle und gemütliche Lichterumzüge.

Auch traditionelle Festfeuer bieten eine Alternative: Sie setzen zwar auch Feinstaub frei, doch im Gegensatz zu Feuerwerkskörpern hinterlassen sie keinen weitflächig verstreuten Plastikmüll und lassen sich nach dem Fest lokal und kontrolliert aufräumen.

Bunt-projizierte Fassade von Waddesdon Manor in der Nähe von Oxford, England zur Weihnachtszeit

Bunt-projizierte Fassade von Waddesdon Manor in der Nähe von Oxford, England zur Weihnachtszeit

Der Wandel ist machbar, das zeigen auch internationale Beispiele:

In Irland sind private Feuerwerke schon lange untersagt. Sie setzen stattdessen auf Drohnen-, Lasershows und Gebäude-Projektionen.

Und auch in den Niederlanden gilt seit dem 1. August 2026 ein Verbot mit einer Ausnahmeregelung für zentrale, professionell ausgerichtete Grossfeuerwerke in Innenstädten oder Hafenbecken.

Salt Lake City ersetzte am 4. Juli ihre traditionellen Feuerwerke zum Independence Day durch eine spektakuläre Drohnen- und Lasershow.

Und in China haben über 400 Städte, unter anderem Peking und Shanghai, rigorose Feuerwerksverbote verhängt, um die Feinstaubbelastung zu senken. Es gab in diesem Jahr sogar einen Weltrekord im Luogang Park in Hefei: 22’580 Drohnen wurden genutzt für die diesjährige Show zum Neujahrsfest (Spring Festival). Der bisherige Rekord war im Vorjahr mit 15’947 Drohnen aufgestellt worden.

Es zeigt eines ganz deutlich: Wir beginnen zu hinterfragen, wie wir Feste feiern. Wir von Trash Hero lieben es, das Leben und Erfolge zu feiern. Deshalb feiern wir auch nach jedem Cleanup, was wir erreicht haben. Aber wir sind der Meinung: Wahre Held*innen feiern mit Rücksicht und achten darauf, was sie hinterlassen.

***

IndexBox, 2024, https://www.indexbox.io/blog/fireworks-world-market-overview-2024/

Feinstaub | PM2,5 | Luftschadstoffe | Umweltbundesamt, https://www.umweltbundesamt.at/umweltthemen/luft/luftschadstoffe/staub/pm25

Pressemitteilung N°221,Internationale Agentur für Krebsforschung, Weltgesundheitsorganisation, 17. Oktober 2013, https://www.iarc.who.int/wp-content/uploads/2018/07/pr221_E.pdf

Bundesamt für Umwelt, https://www.bafu.admin.ch/de/feuerwerke-und-umweltbelastung

GEO Magazine, 21. Januar 2021, https://www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/feuerwerk-erstmals-berechnet-so-viel-plastikmuell-sparte-die-absage-30181618.html

Devereux, R., Westhead, E. K., Jayaratne, R., Newport, D., (2022). “Microplastic abundance in the Thames River during the New Year period.” ScienceDirect. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0025326X22002168

TASSO e.V., 2023, https://www.tasso.net/Presse/Pressemitteilungen/2023/Trauriger-Rekord

Naturschutzbund Leipzig, 2025, https://www.nabu-leipzig.de/stellungnahmen/silvesterappell/

Aargauer Zeitung, 15. Januar 2024, https://www.aargauerzeitung.ch/aargau/zurzibiet/waldshut-gnadenhof-tiere-in-panik-wegen-feuerwerk-sieben-von-ihnen-sterben-ld.2565714

Mitteilung zur Studie des Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz und des Niederländischen Instituts für Ökologie, 2022, https://www.mpg.de/19522040/feuerwerk-beeinflusst-wildvoegel-langfristig

Citizens Information, https://www.citizensinformation.ie/en/justice/criminal-law/criminal-offences/the-law-on-fireworks/

ZDF Heute, 1. Januar 2025, https://www.zdfheute.de/panorama/niederlande-boeller-verbot-silvester-100.html

KSL Media, 29. Juni 2026, https://www.ksl.com/article/51578495/salt-lake-city-continues-drone-show-tradition-for-fourth-of-july-celebrations

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Februar 2018, https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/feuerwerksverbot-in-chinas-staedten-15446108.html

AV Magazine, 13. April 2026, https://www.avinteractive.com/territories-news/apac/worlds-largest-drone-show-record-broken-with-22580-uavs-13-04-2026/

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Vee MeynersFeuerwerk & Umwelt: Wie schädlich ist die Tradition für Natur, Mensch und Tier?

Mikroplastik in hochverarbeiteten Lebensmitteln: Eine toxische Beziehung auf unserem Teller

by Fayrouz on 7. Oktober 2026 No comments

Wir wissen, dass hochverarbeitete Lebensmittel nicht gut für uns sind. Fertiggerichte, verpackte Snacks und zuckerhaltige Getränke: Mehr als 75 Langzeitstudien bringen diese Lebensmittel mit einer langen Liste von Gesundheitsschäden in Verbindung, von Herzerkrankungen und Diabetes bis hin zu Krebs und psychischen Krankheiten. Eine ungesunde Ernährung, in denen hochverarbeitete Lebensmittel die Hauptrolle spielen, stehen im Zusammenhang mit jedem fünften Todesfall weltweit.

In derselben Verpackung verbirgt sich aber noch ein weiteres Problem, über das wir viel weniger sprechen. Eine aktuelle wissenschaftliche Studie drückt sich so aus: Hochverarbeitete Lebensmittel und Plastik befinden sich in einer „toxischen Beziehung“: Ein voneinander abhängiges Paar, das sowohl der Lebensmittel- als auch der petrochemischen Industrie enorme Gewinne einbringt, mit immer weiter wachsenden Kosten für unsere Gesundheit und den Planeten.

Warum die zwei Hand in Hand gehen

Günstig, leicht und unendlich vielseitig: Plastik macht hochverarbeitete Lebensmittel erst möglich. Plastik verpackt, konserviert und trägt das auffällige Markendesign, durch das sich die Lebensmittel so gut verkaufen. Es ermöglicht Hersteller*Innen, Lieferketten über die ganze Welt auszudehnen, die Haltbarkeit von Produkten zu verlängern und alles zu einem sehr günstigen Preis. Etwa 83 % der sogenannten weichen und fast die Hälfte aller starren Lebensmittelverpackungen bestehen aus Plastik, und in der Regel sind es hoch verarbeitete Produkte, die darin eingepackt sind.

Aber die Verbindung ist tiefergehend als nur Bequemlichkeit, die zwei Industrien brauchen sich gegenseitig.

Hochverarbeitete Lebensmittel erwirtschaften enorme und verlässliche Gewinne für Lebensmittelkonzerne: Sie werden aus kostengünstigen und oft süchtig machenden Zutaten hergestellt, in kleinen Portionen und so global wie möglich verkauft. Dieses Geschäftsmodell funktioniert überhaupt nur durch billiges Plastik.

Gleichzeitig braucht die Petrochemie einen neuen Markt: Während Energie- und Transportsektor weltweit auf erneuerbare Energien umsteigen, bieten hochverarbeitete Lebensmittel einen gigantischen wachsenden Markt für Plastik. So entsteht eine gewinnbringende Partnerschaft auf Kosten von Umwelt und Gesundheit, an der beide Industriezweige festhalten wollen.

Foto von Nico Smit von Unsplash

Was ist das Problem mit Verpackungen?

Dieser enge Kontakt von Verpackung und Plastik hat seinen Preis. Plastik enthält mehr als 16’000 Chemikalien, von denen mindestens ein Viertel als gefährlich bekannt ist, wie zum Beispiel BPA, Phthalate und PFAS, sogenannte „Ewigkeitschemikalien“, während ein Grossteil noch ungeprüft ist. Ausserdem geben diese Chemikalien durch einfache Reibung oder Hitze Mikro- und Nanoplastik in die Umwelt ab.

Die in Plastikverpackungen enthaltenen Chemikalien wandern durch simplen Kontakt mit dem Lebensmittel in diese hinein.
Diese Wanderung passiert am effizientesten unter genau den Bedingungen, die hochverarbeitete Lebensmittel ausmachen: lange Lagerzeiten, kleine Packungsgrössen, Kontakt mit öligen oder säurehaltigen Inhalten oder bei Lebensmitteln, die direkt in der Verpackung erhitzt werden.

Das kannst du auch in den Lebensmitteln selbst beobachten. In einer Studie der Ocean Conservancy und der Universität von Toronto aus dem Jahr 2024, fanden sich in 90 % von 16 gängigen Proteinprodukten Mikroplastik. Je stärker die Produkte verarbeitet waren, desto höhere Mengen Mikroplastik wurden gefunden. Hähnchen-Nuggets beispielsweise enthielten etwa 30-mal mehr Mikroplastikpartikel pro Gramm als unbehandelte Hähnchenbrust.
Und Hitze verschlimmert die Situation: Die Chemikalien und Plastik-Partikel gehen bei höheren Temperaturen leichter in Lebensmittel über – ein weiterer Grund, heisse Speisen nicht in Plastik zu verpacken, zu erwärmen oder zu servieren.

Hochverarbeitete Lebensmittel haben bereits durch hohe Kalorien, ihren geringen Nährwert und die enthaltenden künstlichen Zusatzstoffe keinen besonders guten Ruf. Und nun kommen auch noch Gesundheitsbelastungen durch Plastikchemikalien zu der Liste hinzu.

Was wir noch nicht wissen

Es ist wissenschaftlich belegt, dass Mikroplastik und Plastikchemikalien in unsere Nahrung gelangen. Aber es ist noch nicht gänzlich geklärt, welchen Effekt Mikroplastik auf die menschliche Gesundheit hat. Die Belege für die gesundheitlichen Auswirkungen sind „noch nicht abschliessend“. Tierstudien weisen zwar stark auf mögliche Risiken für Verdauung, Fortpflanzung und Atemwegs- sowie Hormonstörungen und Krebs hin. Bei Studien am Menschen gibt es bisher Einschränkungen, einerseits durch die Komplexität der Chemikalien und ihrer Wechselwirkungen selbst, sowie im Bezug auf ethische Fragen bei Tests und begrenzter Fördermittel. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), das offizielle Lebensmittelkontrollorgan der EU, gab bekannt, dass sie noch keine festen Schlussfolgerungen ziehen kann und eine vollständige Risikobewertung erst für Ende 2027 erwartet wird. Wir haben also noch keinen gesicherten Beweis wegen unseres Abendessens in Panik zu verfallen, aber wir sollten dennoch darauf achten, was auf unseren Tellern landet.

Die unverpackte Alternative

Lebensmittel, die am wenigsten Plastik mit sich bringen, sind tendenziell ohnehin die besseren für unsere Gesundheit: frische, naturbelassene, minimal verpackte Zutaten, die wir selbst zubereiten.

Und nichts davon erfordert einen Spezialeinkauf oder einen grossen Geldbeutel: Kaufe soviel es geht unverpacktes Obst und Gemüse und erhitze Lebensmittel niemals in Plastik. Bewahre Essensreste in Glas-, Stahl- oder Keramikbehältern statt in Plastikdosen auf. Jede dieser kleinen Entscheidungen verringert deine Belastung durch Mikroplastik sowie Verpackungschemikalien und macht dadurch deine Ernährung insgesamt gesünder.

Traditionelle Ernährung, die auf unverpackten, lokalen und naturbelassenen Lebensmitteln basiert, hat schon lange vor der Erfindung des Begriffs „hochverarbeitet“ etwas richtig gemacht haben. Weniger Plastik rein, weniger Plastik raus.

Die echte Lösung: An der Quelle ansetzen

Individuelle Entscheidungen helfen und sind ein wichtiger Schritt. Doch wie die Studie zur „toxischen Beziehung“ deutlich macht, haben Verbraucher*Innen nicht die Macht, ein Problem dieser Grössenordnung allein zu lösen. Diese Verantwortung liegt bei politischen Entscheidungsgremien.

Die langfristige Lösung muss das industrialisierte System, das Lebensmittel und Plastik so stark miteinander verbindet, aufbrechen. Wir brauchen einen Wandel zurück zu frischen, naturbelassenen und minimal verarbeiteten Lebensmitteln, kürzere Lieferketten, die weniger Verpackung benötigen; wir brauchen mehr Wiederverwendungs- und Nachfüllsysteme anstelle von Einwegverpackungen; und wir müssen Konzerne zur Rechenschaft ziehen für die wahren Kosten ihrer Produkte, und sie nicht unserer Gesundheit und der Umwelt aufbürden.
Wir brauchen ein starkes Globales Plastikabkommen (Global Plastics Treaty), das die Plastikproduktion an der Quelle begrenzt und einen Ansatz verfolgt, das den gesamten Plastik-Lebenszyklus berücksichtigt, zusammen mit ordnungsgemässen Prüfungen und Transparenz bezüglich der Chemikalien, die in die Nähe unserer Lebensmittel gelassen werden. Die EU hat gezeigt, dass Regulierung funktionieren kann. Sie hat bewusst zugesetztes Mikroplastik in Produkten und Ewigkeitschemikalien in Materialien, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen, eingeschränkt.

Eine gesunde Ernährung für sich selbst und die Plastikverschmutzung des Planeten sind ein- und derselbe Kampf: für unsere Gesundheit und die Gesundheit unseres Planeten.

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Yates, J., Kadiyala, S., Deeney, M., Carriedo, A., Gillespie, S., Heindel, J.J., Maffini, M.V., Martin, O., Monteiro, C.A., Scheringer, M., Touvier, M., & Muncke, J. (2024). „A toxic relationship: ultra-processed foods & plastics.“ Globalization and Health, 20:74. https://doi.org/10.1186/s12992-024-01078-0

Baechler, B.R., Granek, E.F., Mazzotta, M., et al. (Ocean Conservancy & University of Toronto) (2024). „Microplastic concentrations in commonly consumed proteins.“ Environmental Pollution. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0269749123022352

European Food Safety Authority (EFSA). „Microplastics and nanoplastics in food.“ https://www.efsa.europa.eu/en/topics/microplastics-and-nanoplastics-food

European Commission. „Global action on plastics.“ https://environment.ec.europa.eu/topics/plastics/global-action-plastics_en

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FayrouzMikroplastik in hochverarbeiteten Lebensmitteln: Eine toxische Beziehung auf unserem Teller

Wenn das System versagt, bricht Feuer aus

by Fayrouz on 1. Mai 2026 No comments

Was würdest du tun, wenn der Abfall in deiner Gegend nicht rechtzeitig abgeholt würde?

Ein Tag vergeht und es fängt an zu stinken. Eine Woche vergeht und es zieht Ungeziefer und streunende Tiere an. Wenn es regnet, verstopft er die Abflüsse und verbreitet Krankheiten. Man kann Abfall nicht unbegrenzt lagern und ihn nicht einfach ignorieren.

Was würdest du also tun?

Für Millionen von Menschen auf der ganzen Welt ist dies keine hypothetische Frage. Es ist die tägliche Realität, mit der sie konfrontiert sind und angesichts all der Einschränkungen des Systems, das sie umgibt, ist die einfachste Antwort, den Abfall zu verbrennen.


Den Abfall verschwinden lassen

In vielen Gegenden gehört das Verbrennen von Abfall zum Alltag, so selbstverständlich wie das Kochen oder das Staubsaugen. Weltweit haben rund 2.7 Milliarden Menschen überhaupt keinen Abfallentsorgungsdienst. Wenn es keine Mülltonnen gibt, die man befüllen kann, wenn kein Müllwagen kommt, wenn es kein System gibt, welches das Problem beseitigt, sammelt sich der Abfall schnell an und dieser Abfallberg bringt ganz konkrete, sehr gravierende Folgen mit sich: verfaulende Lebensmittel, Insekten, verstopfte Abflüsse, die Ausbreitung von Krankheiten. Das Verbrennen löst diese Probleme schnell, zumindest oberflächlich betrachtet. Das ist kein leichtsinniges Verhalten oder Unwissenheit. Es ist die Realität, aus einer sehr kurzen Liste die am wenigsten schlechte Option wählen zu müssen.


Ein globales Problem

Das Verbrennen von Müll im Freien ist nicht auf eine bestimmte Region oder Gesellschaft beschränkt. Es ist eine weltweite Reaktion auf ein weltweites Problem: zu viel Plastik, grösstenteils Einwegartikel, ohne dass klar ist, wo sie letztendlich landen.

Laut der „World Risk Poll 2024“ der Lloyd’s Register Foundation ist die offene Verbrennung in Ostafrika am weitesten verbreitet, wo 41 % der Haushalte diese Methode als primäre Form der Abfallentsorgung nutzen, gefolgt von Zentral- und Westafrika mit 34 % und Südostasien mit 32 %. In Indonesien liegt dieser Wert mit 48 % sogar noch über all diesen regionalen Durchschnittswerten. Fast die Hälfte der Haushalte gaben an, ihren Abfall zu verbrennen, obwohl das Verbrennen im Freien gesetzlich verboten ist. In ländlichen Gemeinden in Nigeria, Kenia, Äthiopien, Ghana, Nepal und Thailand ist das Verbrennen im Freien als gängige Praxis in den Haushalten dokumentiert und in den ländlichen Gebieten Thailands wird sogar mehr als die Hälfte des gesamten Hausmülls verbrannt.

Das geschieht auch an Orten, an denen wir es nicht erwarten würden. Offene Verbrennungen wurde in Ungarn, Südkorea und den Vereinigten Staaten dokumentiert, was daran erinnert, dass dies nicht ein Problem der Entwicklungsländer ist. Tatsächlich haben auch die reichsten Länder der Welt dieses Problem nicht gelöst – sie haben es grösstenteils exportiert.
Einkommensstarke Länder wie Deutschland, Grossbritannien, die Niederlande, Frankreich, die USA, Japan und Australien verschiffen seit Jahren Plastikmüll ins Ausland unter dem Vorwand, dass er dort recycelt werde. Im Jahr 2023 war Deutschland mit über 693’000 Tonnen der weltweite grösste Exporteur von Plastikabfall, dicht gefolgt von Grossbritannien mit rund 615’000 Tonnen. Ein Grossteil dieser Abfälle landet in Ländern, denen die Infrastruktur für eine sichere Verarbeitung fehlt, wo sie auf Haushaltsebene und in den Gemeinden deponiert oder verbrannt werden. Die Durchsetzung von Vorschriften bleibt ein grosses Problem, da viele Abfallexporteure die unzureichende Überwachung und die mangelhaften Grenzkontrollen ausnutzen. Die Länder, die am meisten Plastik produzieren, haben das geringste Interesse daran, sich damit zu befassen, wo es letztendlich landet.

 

Was passiert, wenn Abfall verbrannt wird?

Bildnachweis: Abhinay Tharu/Unsplash

Abfälle zu verbrennen bedeutet nicht, dass sie verschwinden. Es macht sie lediglich weniger sichtbar und „aus den Augen“ ist nicht dasselbe wie „weg“.

Durch die Verbrennung von Abfall, insbesondere von Kunststoff, gelangt eine giftige Mischung aus Schadstoffen über die Asche in die Luft und dann in den Boden: Schwermetalle, Styrolgas, Dioxine und Furane – Chemikalien, die noch lange nach dem Erlöschen des Feuers im Körper und in der Umwelt verbleiben. Eine 2014 in „Environmental Science & Technology“ veröffentlichte Studie ergab, dass die offene Verbrennung von Hausmüll weltweit eine der grössten Quellen für bestimmte gefährliche Luftschadstoffe, darunter polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und Feinstaub, ist.

Dieser letzte Punkt verdient besondere Beachtung. Feinstaubpartikel, bekann als PM2.5, sind so klein, dass sie die Nase und den Rachen passieren und tief in die Lunge und den Blutkreislauf gelangen können. Die WHO stuft die Luftverschmutzung im Freien, zu der offene Verbrennung erheblich beiträgt, als eine der weltweit führenden umweltbedingten Todesursachen ein, die jährlich für rund 3,2 Millionen vorzeitige Todesfälle verantwortlich sind.

 

Die gesundheitliche Auswirkung in Zahlen

Die Gesundheitsdaten zum Thema offenes Verbrennen sind schwer zu deuten, aber noch schwerer zu ignorieren.

Einer Studie zufolge ist die offene Verbrennung von Abfällen weltweit für schätzungsweise 270’000 bis 920’000 Todesfälle pro Jahr verantwortlich. Ausserdem ist das Verbrennen von Kunststoffen im Freien mit einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen und neurologischen Störungen verbunden, während Emissionen wie Dioxine mit Hautveränderungen, Krebs, Immunstörungen und Geburtsfehlern in Verbindung gebracht werden.

Leider verteilt sich diese Belastung nicht gleichmässig. Ältere Menschen, Schwangere und Kinder gehören zu den am stärksten gefährdeten Gruppen. Das Gleiche gilt für die Menschen, die die Feuer bewachen und die Nachbarn*innen, die in Windrichtung wohnen. Schäden entstehen auch über die Nahrungskette: Wenn sich Giftstoffe aus Verbrennungsprozessen im Boden und im Wasser ablagern, gelangen sie in lokal angebaute Lebensmittel und in den Körper von Menschen, die sich noch nie in der Nähe eines Müllverbrennungs-Feuers aufgehalten haben.

Die Belastung sieht nicht dramatisch aus, aber sie tritt immer wieder auf

Es handelt sich hierbei nicht um gross angelegte Verbrennungsprozesse, wie man sie aus Fabriken oder industriellen Verbrennungsanlagen kennt. Es gibt keinen hoch aufragenden Schornstein, kein Warnschild, kein offensichtliches Anzeichen dafür, dass etwas Schädliches vor sich geht. Es gibt nur kleine Feuer, die in unmittelbarer Nähe der Orte brennen, an denen Menschen schlafen, essen und spielen – jeden Tag.

Diese Lücke ist nicht einfach nur eine Frage fehlender Müllabfuhr oder unterfinanzierter Kommunalverwaltungen. Sie ist das direkte Ergebnis eines Produktionssystems, das immer mehr Plastik herstellt, als die Welt verkraften kann und dessen Folgen sich auf jene Orte konzentrieren, die am wenigsten in der Lage sind, sich dagegen zu wehren. Weltweit haben mindestens zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu Abfallsammlung oder -entsorgung. Für diese Gemeinschaften ist das Verbrennen keine Wahl. Es ist ein Vermächtnis.

Das Verpackungsproblem verschlimmert die Lage noch. Während des grössten Teils der Menschheitsgeschichte bestand kein Bedarf an einer gross angelegten Müllabfuhr. Der Grossteil des Abfalls war organischer Natur und was wiederverwendet werden konnte, wurde auch wiederverwendet. Doch Einwegverpackungen aus Kunststoff überschwemmten die Märkte weitaus schneller, als die Infrastruktur damit Schritt halten könnte, vor allem auf Inseln und ländlichen Gebieten, wo der Aufbau von Abfallsystemen kostspielig und deren Unterhalt noch teurer ist. Das weltweite Aufkommen von Siedlungsabfällen wird voraussichtlich von 2.3 Milliarden Tonnen im Jahr 2023 auf 3.8 Milliarden Tonnen bis zum Jahr 2050 ansteigen, wobei dieser Anstieg fast ausschliesslich darauf zurückzuführen ist, dass Verpackungen und Einwegartikel an Orten landen, an denen es keine entsprechende Entsorgungssysteme gibt.

Und die Unternehmen, die diese Verpackungen herstellen? Sie wissen schon seit langem um das Problem, das sie verursachen, doch die Last, sich damit auseinanderzusetzen, wurde immer wieder weitergereicht – zuerst an öffentliche Stellen, dann an die Haushalte: Kümmert euch selbst darum, findet einen Weg, es verschwinden zu lassen.


Was im Moment helfen kann

Es gibt kleine Massnahmen, mit denen sich die Schäden verringern lassen, während das Gesamtsystem erst einmal in Ordnung gebracht wird. Durch die Trennung von organischen Abfällen zur Kompostierung und den vollständigen Verzicht auf die Verbrennung von Plastik lässt sich die Belastung durch Dioxine, Furane und Schwermetalle deutlich senken.

Das ist zwar keine vollständige Lösung, aber besser als nichts. Die Reduzierung der giftigsten Emissionen ist ein kleiner, aber konkreter Beitrag zur Bekämpfung der Schäden, auch wenn damit das System, das sie verursacht, nicht beseitigt werden kann. Für jemanden, der vor einem Müllberg steht, ohne dass er einen Mülleimer hat, den er füllen könnte und ohne dass Müllwagen kommen, ist es gut zu wissen.

 

Das Gesamtbild

Menschen, die Müll verbrennen, entscheiden sich nicht bewusst für Umweltverschmutzung. Sie wollen ihren Nachbarn, ihren Kindern oder sich selbst keinen Schaden zufügen. Sie sind in einem System gefangen, das nie für sie gedacht war, einem System, das mit billigen Plastikverpackungen überschwemmt wurde, ohne dass deren Sicherheit oder die dafür erforderliche Infrastruktur berücksichtigt wurden.

Abfälle sollten nicht erst an der Verbrennungsstelle entsorgt werden. Sie sollten bereits bei der Planung vermieden werden. Bessere Sammelsysteme können zwar die unmittelbaren Schäden mindern, sind jedoch nur eine vorübergehende Lösung für ein dauerhaftes Problem. Die einzig wirkliche Lösung besteht darin, von vornherein weniger Plastik herzustellen und die Hersteller für jedes einzelne Stück, das sie auf den Markt bringen, zur Verantwortung zu ziehen.

Solange sich Produkte und Systeme nicht ändern, wird die Last weiterhin auf diejenigen abgewälzt, die am wenigsten Auswahl haben – und sie tragen sie bereits lange genug.

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FayrouzWenn das System versagt, bricht Feuer aus

Die Plastikkrise ist auch eine Gesundheitskrise für Frauen

by Fayrouz on 14. April 2026 No comments

Wir sprechen oft von Plastikverschmutzung, als handle es sich dabei lediglich um ein Umweltproblem oder um ein Abfallproblem, etwas das erst am Ende der Lebensdauer eines Produkts eine Rolle spielt. Nicht gesammelter oder schlecht entsorgter Abfall verschmutzt Luft, Boden und Wasserquellen. Plastikmüll, ob klein oder gross, findet sich in den Körpern von Meeresschildkröten und verschiedenen Meerestieren. Im Kern sind all dies reale und dringende Probleme, doch manchmal vergessen wir, dass es noch eine andere Geschichte gibt, die uns viel näher ist als andere Plastikprobleme: das Problem des Abfalls, der still und leise in unseren Körpern schlummert.

Jeden Tag ist unser Körper Zehntausenden von Petrochemikalien ausgesetzt – synthetische Chemikalien, die aus Erdöl und Erdgas gewonnen werden und zur Herstellung von Kunststoffen, Verpackungen, Kosmetika, Reinigungsmitteln und vielem mehr verwendet werden. Wir kommen mit ihnen über die Produkte, die wir verwenden, die Lebensmittel, die wir essen und die Luft, die wir atmen, in Kontakt. Das gilt für alle, doch leider sind die Auswirkungen nicht für alle gleich.

Tatsache ist, dass der weibliche Körper diese Chemikalien anders verarbeitet. Frauen haben in der Regel eine dünnere Haut, sodass Chemikalien aus Produkten, die mit ihrer Haut in Kontakt kommen, leichter aufgenommen werden. Frauen haben zudem einen höheren Körperfettanteil, sodass mehr fettlösliche Kunststoffchemikalien wie Phtalate und BPA letztendlich in ihren Körpern aufgenommen und dort gespeichert werden. Frauen sind durchschnittlich kleiner, was dazu führt, dass die Konzentration dieser Chemikalien höher ist. Ein langsamerer Stoffwechsel bedeutet, dass der weibliche Körper länger braucht, um sie auszuscheiden.

Diese Fakten sind nicht bloss biologische Randnotizen, die wir ignorieren können, weil sie zu banal klingen. Sie müssen unsere Sichtweise darauf verändern, wer die wahren Kosten der Plastikkrise trägt.

 

Der Körper speichert alles, was wir erleben

Plastik enthält zahlreiche hormonaktive Chemikalien – Substanzen, die unseren Hormonhaushalt stören. Für Frauen, deren Gesundheit ihr ganzes Leben lang so eng mit dem Hormonhaushalt verbunden ist, kann diese Störung schwerwiegende Folgen haben.

Während der Pubertät, der Schwangerschaft und in der Perimenopause befindet sich der weibliche Körper in einem Umbruch, was bedeutet, dass selbst die geringste Belastung durch Schadstoffe in diesen entscheidenen Phasen nicht nur das Risiko erhöht, sondern auch deren Auswirkungen verstärkt. Diese Chemikalien stehen im Zusammenhang mit Fruchtbarkeitsproblemen, bestimmten Krebsarten und Diabetes. Letztendlich können sie eine vorzeitige Menopause auslösen und Symptome wie Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen verschlimmern.

Leider beschränkt sich diese Auswirkung nicht auf eine Generation. Frauen geben während der Schwangerschaft und Stillzeit unwissendlich Giftstoffe aus ihrem Körper an ihre Kinder weiter: Eine Zeit, an die sich Frauen ihr Leben lang erinnern, wird so zu einer stillen Weitergabe von Giftstoffen, noch bevor die Babys ausserhalb des Mutterleibs Luft atmen.

 

Das eigene Zuhause ist kein sicherer Ort mehr

Durch traditionelle Rollenverteilung im Haushalt kommen Frauen häufiger und intensiver mit Chemikalien in Kontakt, die in verschiedenen Haushaltsartikeln enthalten sind, wie beispielsweise Reinigungsmitteln, Verpackungen und Handschuhen aus synthetischem Gummi, die ironischerweise als „Schutz“ verkauft werden, aber tatsächlich eine Belastung darstellen.

Plastikchemikalien werden in Produktformeln verwendet, um Duft, Farbe, Textur und eine längere Haltbarkeit zu erzielen und werden selten auf ihre Sicherheit geprüft, bevor sie in unseren Händen landen.

Dann ist da noch die Kosmetikbranche. Der Marketingdruck richtet sich gezielt an Frauen und drängt sie unaufhörlich dazu, Kosmetika, Körperpflegeprodukte, Parfüms und Hygieneartikel zu kaufen, die fast alle petrochemische Stoffe enthalten und in Plastik verpackt sind. Selbst die grundlegendsten Hygieneartikel bleiben von dieser Gefahr nicht verschont: Die meisten Damenbinden und Tampons, die für die breite Öffentlichkeit erschwinglich und leicht erhältlich sind, enthalten Plastik, das für den Körper schädlich ist.

In Kunststoffen wurden mehr als 16’000 Chemikalien nachgewiesen, und die meisten dieser Stoffe wurden noch nie auf ihre Sicherheit bei direkter und indirekter Exposition für Menschen – insbesondere für Frauen – geprüft. Von diesen gelten bereits ein Viertel als gefährlich, doch nur 6 % unterliegen einer Regulierung. Der Rest? Niemand kontrolliert das.

Da es keine strengen Vorschriften und keine klare Kennzeichnung der Inhaltsstoffe auf Produkten und Verpackungen gibt, haben Frauen keine Möglichkeit, die mit ihren täglichen Routinen verbunden Risiken zu erkennen oder zu verstehen.

 

Die gesundheitlichen Kosten des Broterwerbs

Bildnachweis: Mumtahina Tanni

Frauen sind in der Überzahl Beschäftige in Branchen mit hoher chemischer Belastung: Reinigungsgewerbe, Abfallwirtschaft, Textilindustrie und Landwirtschaft. Viele dieser Tätigkeiten fallen in den informellen Sektor, was bedeutet, dass es keine Vorschriften gibt, die die Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigen gewähleisten.

Diese Jobs werden meistens ohne angemessene persönliche Schutzausrüstung ausgeübt, fallen nicht unter den Arbeitsschutz, bieten keinen Anspruch auf Krankengeld und es fehlen Informationen über die Risiken, denen die Beschäftigten ausgesetzt sind oder sein werden. Lange Arbeitszeiten bedeuten eine ständige und intensive Belastung durch verschiedene Giftstoffe. Da diese Tätigkeiten zudem meist schlecht bezahlt sind, haben die Beschäftigten kaum Möglichkeiten, die Situation zu ändern.

Weltweit sind die meisten Müllsammler*innen, die auf offenen Mülldeponien arbeiten, Frauen. Die WECF berichtet, dass viele von ihnen das 30. Lebensjahr nicht überschreitet; und das ist keine Statistik aus längst vergangenen Zeit: das geschieht auch heute noch.

 

Dasselbe Plastik, unterschiedliche Auswirkungen

Bildnachweis: MART Production

Die Plastikkrise macht keine Unterschiede, wen sie betrifft, doch leider ist sie sehr selektiv darin, wie hart sie zuschlägt.

Frauen sind einer unverhältnismässig hohen chemischen Belastung ausgesetzt – durch ihre biologischen Körperfunktionen, ihre Rolle im Haushalt, die Arbeitsbedingungen, denen sie ausgesetzt sind und die überflüssigen Produkte, von denen ihnen eingeredet wird, dass sie sie brauchen. Trotz dieser zahlreichen negativen Auswirkungen werden Frauen nach wie vor viel zu selten in die Diskussionen einbezogen, in denen entschieden wird, was produziert, was reguliert und was gekeinnzeichnet wird.

Um dies zu ändern, brauchen wir mehr rechtlichen Schutz für Arbeitnehmende in Risikoberufen. Wir brauchen eine ehrliche Produktkennzeichnung. Wir brauchen Gesundheits- und Sicherheitsstandards, die auch im informellen Sektor gelten. Und wir brauchen mehr Frauen in den Gremien, in denen Entscheidungen und Vorschriften zu Chemikalien und zur Produktion getroffen werden.

Die Plastikkrise ist eine Krise für die Gesundheit von Frauen – das war schon immer so. Die Frage ist nur: Wie lange wollen wir noch so tun, als wäre das nicht der Fall?

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FayrouzDie Plastikkrise ist auch eine Gesundheitskrise für Frauen

Warum die Behauptung „Plastik ist umweltfreundlicher als Glas“ irreführend ist

by Seema on 5. November 2025 No comments

Oft hört man, dass Plastikflaschen oder -verpackungen „umweltfreundlicher“ seien als Glas, vor allem weil Plastik leichter ist und – so lautet das Argument – bei Herstellung und Transport weniger Treibhausgasemissionen verursacht. Ein genauerer Blick auf die sogenannten Life Cycle Assessments (LCAs) zeigt jedoch, dass diese Darstellung in mehreren grundlegenden Punkten problematisch ist. Insbesondere Untersuchungen des UN Environment Programme (UNEP) und der Life Cycle Initiative haben gezeigt, dass die Fokussierung auf nur wenige Umweltaspekte die weitreichenderen Schäden durch Plastik verschleiert und die Vorteile von Wiederverwendungssystemen nicht berücksichtigt.

Welche Fallstricke stecken also hinter der Behauptung, Plastik sei „grüner“ als Glas?

1. Enger Fokus auf Klimaauswirkungen

Viele Studien zum Thema “Plastik versus Glas“ konzentrieren sich auf einen zentralen Messwert: Kohlenstoff- oder Treibhausgasemissionen. Da Plastik leichter ist und weniger Energie für den Transport benötigt, scheint es oft einen geringeren CO₂-Fussabdruck zu haben als Glas, zumindest in der von den Forschern verwendeten Rahmenkonstruktion.

Doch Klimawirkungen sind nur eine von vielen Kategorien, die eine umfassende Umweltbewertung berücksichtigen sollte. Weitere entscheidende Bereiche – wie Toxizität, Verlust der Artenvielfalt, Ökosystemschäden oder soziale und gerechte Dimensionen der Verschmutzung (Auswirkungen auf Gemeinschaften, Müllsammler*innen, indigene Völker) – werden oft vernachlässigt oder ganz ausgelassen, weil sie schwer messbar sind.

Life-Cycle-Analysen (LCAs) von Plastik schliessen zum Beispiel typischerweise die Umweltlecks aus, die während des gesamten Lebenszyklus auftreten – von Pellets, die ins Meer gelangen (die zweithäufigste Quelle für Mikroplastik im Ozean), über Abrieb und Auslaugung während der Nutzung bis hin zu Müll in der Umwelt. Diese Lecks gehören zu den schädlichsten und irreversiblen Auswirkungen von Plastik: Sie führen zu Aufnahme durch Tiere, Verheddern, Fragmentierung zu Mikroplastik und kumulativen Schäden für ganze Ökosysteme.

2. Zu starke Abhängigkeit von LCAs als Entscheidungsgrundlage

Wie bereits erwähnt, sind LCAs nicht dafür ausgelegt, alle Umweltauswirkungen vollständig abzubilden. Sie müssen durch weitere Studien und Wissen ergänzt werden, um ein vollständiges Bild zu liefern.

Selbst die gewonnenen Erkenntnisse zu Indikatoren wie Energie‑ und Wasserverbrauch, Emissionen oder Ressourcennutzung sollten nicht ungeprüft übernommen werden. Die Systemgrenzen und Annahmen jeder Studie machen einen grossen Unterschied: Welche Produktionsprozesse wurden betrachtet? Welche End-of-Life-Szenarien? Welche Transportstrecken? Welche Wiederverwendungsquoten? Schon kleine Änderungen in diesen Annahmen können die Ergebnisse komplett umkehren.

LCAs können zudem, absichtlich oder unabsichtlich, „Belastungsverschiebungen“ verschleiern: Eine Verbesserung einer Kategorie (z. B. niedrigere Treibhausgasemissionen) kann eine andere verschlechtern, die nicht untersucht wurde (z. B. Ökotoxizität, Freisetzung von Mikroplastik). Die UNEP-Metastudie warnt: „Wie jedes Instrument ersetzt ein LCA nicht die Notwendigkeit, bei Entscheidungen auf eine Vielzahl von Informationsquellen zurückzugreifen.“

Wenn also jemand eine LCA zitiert mit dem Schluss „Plastik ist klimafreundlicher“, sind die entscheidenden Fragen:
– Was wurde weggelassen?
– Welche Annahmen wurden getroffen?
– Welche Alternativen wurden modelliert?
– Spiegeln diese Annahmen realistische Szenarien wider, auf die wir hinarbeiten könnten?

3. Falscher Vergleich: Einweg-Glas vs. Einweg-Plastik

Ein weiterer Schwachpunkt vieler LCAs ist, dass Einweg-Glas mit Einweg-Plastik verglichen wird, meist unter der Annahme, dass beide am Ende recycelt werden. In der Realität kann Glas zig- bis hunderte Male wiederverwendet werden, bevor es recycelt werden muss.

Warum ist das wichtig? Wiederverwendung vermeidet den Grossteil der Klimabelastung eines Materials, insbesondere den energieintensiven Schmelzprozess von Glas. Wiederverwendung erfordert lediglich Reinigung, Trocknung und lokalen Transport, was deutlich geringere Auswirkungen hat – und diese sinken weiter, da Energieversorgung dekarbonisiert wird und Rücklogistiksysteme effizienter werden.
Im Vergleich dazu ist die Plastikproduktion weiterhin stark an fossile Brennstoffgewinnung und -raffination, globale Lieferketten und eine niedrige Recyclingquote von nur 9 % gebunden, wobei ein Grossteil in Länder des Globalen Südens exportiert wird.

Kurz gesagt: Vergleicht man Einweg-Plastik realistisch mit wiederverwendbarem Glas, liegt der Vorteil klar bei Glas in Verbindung mit Wiederverwendungssystemen.

4. Vernachlässigung von Geschäftsmodellen und Systemgestaltung

Ein wesentlicher methodischer Fehler vieler LCAs ist die Annahme, dass das Geschäftsmodell für bestehende und Ersatzmaterialien identisch bleibt. Anders gesagt: Plastikflaschen, die über weite Strecken transportiert werden, werden direkt mit Glasflaschen unter denselben Bedingungen verglichen. Aber was, wenn Glas gar nicht so eingesetzt würde?

Beispiel: Schwerere Glasflaschen schneiden in einem globalen Produktions‑ und Vertriebsmodell, das auf Einwegplastik ausgelegt ist, naturgemäss schlechter ab – vor allem bei einmaligem Gebrauch über weite Distanzen. Glas entfaltet seinen Vorteil jedoch in lokalen Abfüll- und Wiederbefüllsystemen, mit Rücklogistik und deutlich kleineren Vertriebsnetzen.

Wenn der Vergleich den Status quo bevorzugt statt die nachhaltigen Alternativen, verzerrt das die Ergebnisse. Um ein besseres System zu modellieren – also Wiederverwendung und Nachfüllung innerhalb lokaler Netze – muss genau dieses Szenario betrachtet werden. Ein Vergleich von Materialien innerhalb des bestehenden Systems ergibt wenig Sinn.

5. Das grössere Problem: „Umweltfreundlich“ neu definieren

Letztlich beruht der Mythos „Plastik ist grüner als Glas“ auf einer zu engen Definition von „umweltfreundlich“. Wenn man Umweltfreundlichkeit ausschliesslich als „niedrigster CO₂-Fussabdruck im heutigen System“ betrachtet, könnte Plastik als Gewinner erscheinen.
Definiert man sie jedoch umfassender und bezieht folgende Aspekte ein:
chemische Toxizität
– persistente Verschmutzung und Ökosystemschäden
– Leckagen und Mikroplastik
– Ressourcenkreislauf und Recyclingfähigkeit
– Wiederverwendungspotenzial
– Umweltgerechtigkeit
– Zukunftssicherheit (Dekarbonisierung der Energieversorgung, innovative Logistik)
…dann verändert sich die Bewertung deutlich zugunsten von Glas und wiederverwendbaren Systemen.

Die UNEP/Life Cycle Initiative betont klar: Priorität haben Wiederverwendung, Reduktion von Einwegprodukten und System-Neugestaltung, unabhängig vom Material.

➤ Greenwashing durchschauen

Wenn du eine Behauptung wie „Plastik ist grüner als Material X“ siehst, solltest du folgende Fragen stellen:
– Welche Auswirkungen wurden bewertet? Nur Treibhausgase oder auch (Öko-)Toxizität, persistente Verschmutzung und soziale bzw. gesundheitliche Folgen?
– Welches Ersatzmaterial wurde betrachtet und wurde es wiederverwendet oder nur einmal genutzt und recycelt?
– Welche Annahmen zum Systemdesign wurden getroffen (Transportwege, Wiederverwendung, dekarbonisierte Energie)?
– Welche Lebenszyklusgrenzen wurden einbezogen (Rohstoffgewinnung, Pelletverluste, Leckagen am Ende der Lebensdauer)?
Und zuletzt: Wenn wir das System ändern würden, wäre Plastik dann immer noch die bessere Wahl?

Berücksichtigt man das vollständige Bild, zerfällt die Behauptung „Plastik ist grüner als Glas“. Eine konstruktive Agenda geht über die blosse Materialwahl hinaus: Einwegprodukte vermeiden, Kreislaufwirtschaft gestalten und in lokale Infrastruktur für sicheres Wiederverwenden, Nachfüllen und Reparieren investieren.

Weiterführende Literatur:
Sind LCAs nur Greenwashing für Plastik?
Eine Studie zur Bewertung der Lücken bei der Berücksichtigung der Auswirkungen von Plastik in der Ökobilanz
Wie Lebenszyklusanalysen (miss)braucht werden können, um mehr Einweg- Plastikverpackungen zu rechtfertigen

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SeemaWarum die Behauptung „Plastik ist umweltfreundlicher als Glas“ irreführend ist

Wir haben 7 von 9 planetaren Grenzen überschritten

by Seema on 15. Oktober 2025 No comments

Während des Holozäns, das sich über die letzten 10’000 Jahre erstreckt, waren die Bedingungen auf der Erde bemerkenswert stabil. Diese Stabilität ermöglichte es den menschlichen Gesellschaften, zu florieren: Nahrungsmittel anzubauen, Handel zu treiben und Städte zu bauen. Aber da der ungebremste Kapitalismus den Planeten über seine sicheren Grenzen hinaus treibt, riskieren wir, ihn in die Instabilität zu stürzen, mit Folgen für jedes Lebewesen.

Im vergangenen Monat bestätigten Wissenschaftler*innen, dass die Menschheit inzwischen
sieben der neun planetarischen Grenzen überschritten hat – Schwellenwerte, jenseits derer sich die Umwelt der Erde nicht mehr selbst regulieren kann und unbewohnbar werden könnte.

Aber was genau sind diese Grenzen, und warum ist es von Bedeutung, wenn sie überschritten werden?

Das Konzept der planetarischen Grenzen wurde erstmals 2009 von einer Gruppe international renommierter Umwelt- und Erdsystemwissenschaftler*innen vorgestellt. Das Rahmenwerk identifiziert neun kritische Prozesse, die zusammen das Lebenserhaltungssystem des Planeten bilden und dessen Stabilität und Widerstandsfähigkeit regulieren. Jeder Prozess hat einen „sicheren Betriebsraum”, also Bedingungen, die ein reibungsloses Funktionieren des Systems gewährleisten.

Das Verlassen dieses Raums bedeutet nicht sofort eine Katastrophe, erhöht jedoch das Risiko abrupter, nicht linearer und möglicherweise irreversibler Umweltveränderungen. Mit anderen Worten: Je weiter wir diese Grenzen überschreiten, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir Kipppunkte auslösen, die genau die Systeme untergraben könnten, von denen unser Überleben abhängt.

Die neun planetarischen Grenzen und wo sie im Jahr 2025 stehen


1. Klimawandel ➡︎ Grenze überschritten

Unser Klimasystem reguliert Temperatur, Niederschläge, Meeresspiegel und die Funktionsweise von Ökosystemen. Durch den Menschen verursachte Treibhausgasemissionen (insbesondere Kohlendioxid und Methan) sowie Luftschadstoffe halten Wärme in der Atmosphäre zurück, die sonst ins Weltall entweichen würde, wodurch die globalen Temperaturen weit über den stabilen Bereich des Holozäns hinaus steigen.
Wie sich dies zeigt: Extreme Wetterereignisse, Überschwemmungen, Waldbrände, steigender Meeresspiegel, Wüstenbildung. Die Erwärmung der Ozeane hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt.


2. Überladung mit neuartigen Stoffen (Chemikalien und Plastik) ➡︎ Grenze überschritten

Diese Kategorie umfasst Petrochemikalien, alle Arten von Kunststoffen, genetisch veränderte Organismen und andere synthetische Substanzen, die nicht biokompatibel und oft sehr schädlich für Lebewesen sind. Viele davon verbleiben in der Umwelt, bilden giftige Cocktails und kontaminieren ganze Ökosysteme.
Wie sich dies zeigt: Weit verbreitete Verschmutzung durch Mikro- und Nanoplastik und PFAS („ewige Chemikalien“) in Wasser, Luft und Boden.


3. Ozonabbau in der Stratosphäre ➡︎ Innerhalb der Grenze

Die Ozonschicht schützt das Leben auf der Erde vor schädlicher ultravioletter Strahlung der Sonne. Internationale Massnahmen zur Reduzierung der Produktion von ozonschädigenden Chemikalien seit Ende der 1980er Jahre und durch das Montrealer Protokoll haben erfolgreich dazu beigetragen, dass sich die Ozonschicht wieder auf ein sicheres Niveau erholt hat.


4. Aerosolbelastung der Atmosphäre (Luftverschmutzung) ➡︎ global innerhalb der Sicherheitszone; in einigen Regionen überschritten

Aerosole sind winzige Partikel in der Luft, wie Staub, Russ, Sulfate und Rauch. Sie beeinflussen die Luftqualität, die menschliche Gesundheit und regionale Klimamuster. Dieser Grenzwert wird derzeit in vielen dicht besiedelten Gebieten überschritten, insbesondere in Gebieten mit hohen Emissionen aus der Industrie und der Verbrennung fossiler Energieträger, gilt jedoch weltweit als innerhalb sicherer Grenzen liegend.
Wie sich dies zeigt: Zunahme von Atemwegserkrankungen und anderen Krankheiten, Verschärfung des Klimawandels, Veränderungen der Monsunsysteme. Jeder fünfte vorzeitige Todesfall ist auf die Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe zurückzuführen.


5. Ozeanversauerung ➡︎ Grenze überschritten

Die Ozeane absorbieren Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Dadurch wird das Meerwasser saurer, was Korallen, Schalentiere und einige Planktonarten daran hindert, Schalen und Skelette aufzubauen und zu erhalten, was verheerende Auswirkungen auf die weiter oben in der Nahrungskette stehenden Lebewesen hat – einschliesslich der Küstengemeinden. Im Planetary Health Check 2025 wurde festgestellt, dass der Säuregehalt der Ozeane seit Beginn des Industriezeitalters um 30 bis 40 % gestiegen ist, wodurch sie nun als siebte Grenze gelten, die sich in der Gefahrenzone befindet.
Wie sich dies zeigt: Korallenbleiche und Absterben tropischer Riffe, Bedrohung der arktischen Meeresfauna, Ernährungsunsicherheit.


6. Veränderung biogeochemischer Kreisläufe ➡︎ Grenze überschritten

Dieser Prozess beschreibt, wie wichtige Elemente und Verbindungen durch die Systeme der Erde zirkulieren. Stickstoff und Phosphor sind wichtige Nährstoffe für Nutzpflanzen, aber ihr übermässiger Einsatz in industriellen Düngemitteln hat zu Umweltverschmutzung, Bodendegradation und sogenannten toten Zonen in Ozeanen und Seen geführt.
Wie sich dies zeigt: Durch Düngemittelabfluss verursachte Algenblüten verbrauchen Sauerstoff und töten Wasserlebewesen, erhöhte Versauerung der Ozeane, unfruchtbare Böden. Derzeit gibt es mehr als 500 identifizierte tote Zonen im Ozean, die sich über eine Fläche von 95’000 Quadratmeilen erstrecken.


7. Veränderung der Süsswassersysteme ➡︎ Grenze überschritten

Die Verfügbarkeit und der Fluss von Süßwasser – sowohl oberirdisch als auch unterirdisch – sind für die Landwirtschaft, den menschlichen Verbrauch und die ökologische Stabilität von entscheidender Bedeutung. Verschmutzung, Dämme, Landnutzungsänderungen, übermäßige Entnahme und Klimawandel haben dazu geführt, dass die Süsswasserökosysteme in der Hälfte aller Länder der Welt geschädigt sind.
Wie sich dies zeigt: Dürren, Überschwemmungen, Verschlechterung der Wasserqualität, Verlust von Feuchtgebieten und Mangroven. 25 % der Süsswasserarten sind vom Aussterben bedroht.


8. Veränderung der Landnutzung ➡︎ Grenze überschritten

Rund drei Viertel der natürlichen Landschaften auf unserem Planeten wurden im Laufe des letzten Jahrtausends für menschliche Zwecke „verändert“. Dazu gehören dauerhafte Veränderungen wie die Urbanisierung und potenziell reversible Veränderungen wie die Rodung tropischer Regenwälder für die Landwirtschaft, beispielsweise für den Anbau von Soja und Palmöl.
Wie sich dies zeigt: Bodenerosion und -degradation, Zerstörung von Lebensräumen, Wüstenbildung, Zwangsmigration, verstärkte globale Erwärmung. Die globale Waldbedeckung liegt heute weit unter der 75-prozentigen Sicherheitszone.


9. Veränderung der Integrität der Biosphäre (lVerlust der Natur und Biodiversität) ➡︎ Grenze überschritten

Die Biosphäre ist die lebende Schicht der Erde und benötigt eine grosse, breite und vielfältige Palette gesunder Organismen, um die Nahrungsmittelproduktion, die Bestäubung, die Regulierung von Krankheiten und unzählige Ökosystemleistungen zu unterstützen. Der Verlust der biologischen Vielfalt bedeutet, dass das System weniger in der Lage ist, sich selbst zu regulieren und sich von Schocks zu erholen.
Wie sich dies zeigt: Geringe Ernteerträge (und Ernährungsunsicherheit), beschleunigtes Artensterben, Zusammenbruch von Ökosystemen.

Ein Weckruf, nicht das Ende

Diese Prozesse sind alle miteinander verbunden. Druck auf einen Prozess führt unweigerlich zu Druck auf die anderen.
Das Überschreiten der siebten planetarischen Grenze bedeutet, dass die Menschheit die Verschlechterung der Ökosysteme der Erde beschleunigt und sich weiter von den stabilen Bedingungen entfernt, die die Zivilisation erst möglich gemacht haben.

Es überrascht nicht, dass mehr als drei Viertel der Warnleuchten auf dem Armaturenbrett rot blinken und damit das Risiko für das gesamte System steigt: Wir müssen mit häufigeren extremen Wetterereignissen, einer geringeren Widerstandsfähigkeit der Ökosysteme, einer grösseren Wasser- und Nahrungsmittelunsicherheit und der Möglichkeit rechnen, dass Kipppunkte wie der Zusammenbruch von Eisschilden oder das Absterben von Regenwäldern ausgelöst werden.

Das Konzept der planetarischen Grenzen ist jedoch keine Vorhersage einer unvermeidlichen Katastrophe, sondern ein Instrument zum Risikomanagement. Wir können es nutzen, um Impulse zu setzen, damit die Systeme wieder in den sicheren Bereich zurückkehren. Die beiden intakten Grenzen sind ein Beweis dafür. Der Abbau der Ozonschicht in der Stratosphäre, der einst kurz vor seiner Grenze stand, wurde dank jahrzehntelanger internationaler Zusammenarbeit im Rahmen des Montrealer Protokolls wieder in einen sicheren Bereich zurückgeführt. Kollektive Massnahmen in Bezug auf die anderen Prozesse, die eine tiefgreifende und rasche Reduzierung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe (sowohl für Energie als auch für Kunststoffe) erfordern, können die Systeme der Erde wieder in sichere Grenzen zurückbringen – aber die Zeit läuft davon.

Johan Rockström, Professor für Erdsystemwissenschaften, der die Entwicklung des Konzepts der planetarischen Grenzen geleitet hat, sagt dazu: „Auch wenn die Diagnose düster ist, gibt es noch immer eine Chance auf Heilung. Scheitern ist nicht unvermeidlich, Scheitern ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die vermieden werden muss und kann.“

Der ganze Bericht unter: Planetary Health Check 2025

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SeemaWir haben 7 von 9 planetaren Grenzen überschritten

Die Verhandlungen zum Plastikabkommen stocken erneut – aber eröffnen die Chance auf einen Neustart

by Seema on 9. September 2025 No comments

INC-5.2 war ein Versagen des Prozesses, nicht des Ergebnisses

Als Schicksalsmoment im 2022 gestarteten Prozess angekündigt, endete die sechste Verhandlungsrunde für ein globales Plastikabkommen (INC-5.2) am 15. August 2025 in Genf ohne Einigung – der ganze Prozess steht damit auf der Kippe.

Für viele Beteiligte ein bitterer Rückschlag – doch der Zusammenbruch war deutlich besser als das alternative Szenario. Schlagzeilen sprachen von einem „Scheitern“; doch wenn in Genf tatsächlich etwas scheiterte, dann war es (erneut) der Prozess – nicht das Ergebnis.

Vom ersten Tag an wurden die Verhandlungen für das Plastikabkommen von einer kleinen, aber mächtigen Gruppe von Petrostaaten gekapert. Sie nutzten die prozedurale Regel der Konsens-Entscheidungsmethode als Instrument, wodurch sie Massnahmen zur Reduktion der Plastikproduktion – Schlüssel zur Lösung der Umweltproblematik laut der Mehrheit der Staaten – blockieren konnten.

Am INC-5.2 bemühte sich der Vorsitzende, Botschafter Luis Vayas Valdivieso, erneut, diesen Stillstand zu überwinden, und entschied sich in letzter Minute, einen schwachen Kompromisstext vorzulegen. Die Hoffnung war, dass die anwesenden Länder diesen akzeptieren würden, anstatt mit leeren Händen zu gehen.

Der Vertragstext las sich jedoch wie eine Wunschliste der Industrie und wurde zu Recht von der ehrgeizigen Mehrheit abgelehnt. Diese Ablehnung war ein Sieg: Sie verhinderte, dass die Welt in einem hohlen Abkommen gefangen war, und hielt die Möglichkeit offen, etwas Stärkeres auszuhandeln.

Lies unseren vollständigen Bericht zu INC-5.2 weiter unten.

Ambition trifft auf Blockade

Die Erwartungen an Genf waren bereits gedämpft – die prozeduralen Streitigkeiten und Verzögerungen der vorigen fünf Verhandlungsrunden machten deutlich, dass ein neuer Ansatz nötig wäre. Hoffnung gab es dennoch: Einige Observierende hielten einen Antrag auf Abstimmung gegen die Blockade für möglich.

In Genf beteiligten sich rekordverdächtige 184 Länder, unterstützt von zivilgesellschaftlichen Gruppen, Wissenschafter*innen und indigenen Führungspersönlichkeiten. Doch die Zahl der Industrievertreter war grösser als je zuvor: Laut CIEL waren 234 offiziell akkreditierte Lobbyist*innen aus der Fossil- und Petrochemiebranche vor Ort, viele eingebettet in staatliche Delegationen. Ihre Rolle war spürbar – sie bekräftigten die Positionen der Petrostaaten, verbreiteten Desinformation und blockierten Rechte zu wirklicher Teilhabe.

Die Verhandlungen blieben erneut hinter verschlossenen Türen, ausgeschlossen wurden unter anderem Rechtebetroffene. Auch Delegationsmitglieder beklagten unklare Zeitpläne, fehlende Sitzplätze und fehlenden Zugang zu Mikrofonen.

Diese Taktiken schürten das Gefühl, dass die Integrität der Verhandlungen durch sinkende Transparenz und gezielte Sabotage gefährdet war. Forderungen nach einer Interessenkonflikt-Policy wurden konsequent ignoriert.

Angesichts dieser Situation mobilisierten sich die Zivilgesellschaft und Rechteinhabergruppen in Genf rasch und führten während der zwei Wochen mehrere Aktionen innerhalb und ausserhalb der UNO durch, um die Verhandlungsführenden daran zu erinnern, „den Prozess zu korrigieren, ihre Versprechen einzuhalten und der Plastikverschmutzung ein Ende zu setzen“.

Klare Fronten

Von Beginn an war klar, dass sich die grundlegende Konfliktlinie – die unerbittliche Produktion von Plastik und giftigen Petrochemikalien – nicht verschoben hatte, da die Länder ihre roten Linien klar auf beiden Seiten gezogen hatten. Eine breite Koalition von mehr als 100 Ländern drängte weiterhin auf verbindliche Massnahmen zur Reduzierung der Produktion, zur Regulierung von Chemikalien und zur Verpflichtung zur Neugestaltung von Produkten.

Ihnen gegenüber standen die Erzeugerstaaten, die darauf bestanden, dass sich der Vertrag ausschliesslich auf die Abfallbewirtschaftung und das Recycling konzentrieren und die Produktion unberücksichtigt gelassen werden sollte.

Und so wurden potenzielle Lösungen weiter systematisch blockiert. Viele Verhandlungsstunden verstrichen in prozeduralen Debatten statt in substanziellem Fortschritt.

Bei der Plenarsitzung zur Halbzeitbilanz am 9. August machten viele Delegierte deutlich, dass sie die Suche nach einem Konsens für ein aussichtsloses Unterfangen hielten. Sie wurden angewiesen, trotzdem weiterzumachen.

Der Schachzug des Vorsitzenden

Als die Verhandlungen in die letzte Runde gingen und kein Fortschritt in Sicht war, unternahm der Vorsitzende den ungewöhnlichen Schritt, einen von ihm selbst ausgearbeiteten Kompromisstext vorzulegen. Damit wollte er zumindest ein minimales Ergebnis retten und verhindern, dass die Verhandlungen vollständig scheiterten. Doch der Zeitpunkt – der Text wurde erst spät im Verhandlungsprozess vorgelegt, sodass fast keine Zeit mehr für Verhandlungen blieb – und sein Inhalt – es fehlten Artikel zu Produktion, Chemikalien und Gesundheit sowie jegliche rechtsverbindliche Formulierung – sorgten für Uneinigkeit.

Viele ehrgeizige Länder sahen den Text als Kapitulation vor dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Erzeugerländer waren unterdessen weiterhin nicht bereit, selbst diese abgeschwächten Verpflichtungen zu billigen. Das Risiko ging nach hinten los: Anstatt eine gemeinsame Basis zu finden, verstärkte dieser Schritt die Frustrationen. Diplomatische Höflichkeiten wurden aufgegeben, als ein Staat nach dem anderen den Text als „Verrat“, „Kapitulation“ und „Verhöhnung“ der Wünsche der Mehrheit bezeichnete.

Da nur noch wenige Stunden Zeit blieben, stand der Vorsitzende unter enormem Druck, eine neue Lösung zu finden.

Zusammenbruch, aber nicht das Ende

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits mehr als 60 Minister*innen angereist, um das Abkommen unter Dach und Fach zu bringen. Doch nach einer fast 30-stündigen Marathon-Sitzung gelang es nicht, sich auf einen neuen, nur geringfügig verbesserten Text des Vorsitzenden zu einigen. Die Sitzung wurde abrupt beendet. Es wurde kein klarer Fahrplan verabschiedet, sondern lediglich eine vage Verpflichtung zur Fortsetzung der Gespräche.

Das Gefühl der Enttäuschung war überwältigend. Nach zweieinhalb Jahren und 40 Millionen Dollar, die in die Verhandlungen gesteckt wurden, waren die Regierungen der Kernfrage nicht näher gekommen, ob das Plastikabkommen das Problem an der Wurzel packen oder lediglich die Abfallentsorgung am Rande regeln würde.

Erschöpfte Verhandelnde und Beobachter*innen konnten ihre tiefe Enttäuschung nicht verbergen.

Es war jedoch auch klar, dass wir uns mit der Annahme des Kompromisstextes auf einen schwachen Vertrag festgelegt hätten, der keine Möglichkeit zur Eindämmung der Plastikverschmutzung geboten hätte. Zwar wurden Zeit, Geld und Energie für die Erreichung einer Einstimmigkeit verschwendet, doch wurde dennoch wertvolle Arbeit geleistet. Die Grundlagen für einen starken Vertrag sind vorhanden und können wiederbelebt werden, sobald der politische Wille dazu vorhanden ist.

Wie weiter?

Zwei Wege stehen nun offen:
INC-5.3 – Fortsetzung im gleichen Rahmen. Doch es fehlt bislang Budget und Mandat. Zudem müssten prozedurale Reformen durchgesetzt werden – etwa die Möglichkeit zur Abstimmung statt Konsens. Das könnte zu einem Abbruch durch Produzentenstaaten und einer Krise für das UNEP-System führen.

„Koalition der Willigen“ – alternative Verhandlungen ausserhalb des UN-Rahmens, ähnlich dem Landminenabkommen von Ottawa 1996. Ambitionierte Staaten könnten bindende Produktionseinschränkungen und Chemieverbote verhandeln. Obstruktive Staaten blieben aussen vor – würden aber indirekt durch Handel und Marktreaktionen betroffen sein. UNEP könnte die Umsetzung unterstützen.

Diese Option wird dadurch erleichtert, dass fortschrittliche Staaten im Laufe der Verhandlungen bereits eine Reihe von Konferenzraumdokumenten (Conference Room Papers, CRPs) ausgearbeitet haben. Dabei handelt es sich um offizielle Textvorschläge, die die Bausteine für ein starkes Abkommen bilden könnten. Mehr als 100 Länder haben bei der INC-5.2 ihre Unterstützung für ambitionierte CRPs signalisiert.

Das bedeutet, dass es eine solide gemeinsame Grundlage gibt, auf die man zurückgreifen kann, wenn die Gespräche wieder aufgenommen werden.

Zivilgesellschaftliche Gruppen betonen, dass noch immer politisches Momentum aufgebaut werden kann. Aber der Druck von ausserhalb der Verhandlungsräume wird entscheidend sein. Ohne eine stärkere Mobilisierung als Gegengewicht zur Lobbyarbeit der Industrie könnten die Regierungen weiterhin auf Zeit spielen.

Nicht das Ende, sondern ein Neustart

INC-5.2 war nicht der Durchbruch, auf den viele gehofft hatten, aber auch nicht die Katastrophe, die manche befürchtet hatten. Indem sie sich weigerten, einen zahnlosen Kompromiss zu unterstützen, hielten die Regierungen die Chance auf ein Abkommen offen, das der Plastikverschmutzung wirklich ein Ende setzen kann.

Die Herausforderung besteht nun darin, die Grundlagen der bestehenden CRP in einen fertigen Text umzuwandeln, sei es durch eine Verfahrensreform beim UNEP oder durch eine Koalition der Willigen an anderer Stelle. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob die Regierungen den Mut haben, einen zweckmässigen Vertrag vorzulegen, oder ob sie die Chance verspielen, sich einer der entscheidenden Umweltprobleme unserer Zeit zu stellen.

Trash Hero bei den Vertragsverhandlungen
Als vom UNEP akkreditierter Beobachter kann Trash Hero an allen INC-Sitzungen teilnehmen. Wir schliessen uns unseren Kolleg*innen in der grossen Delegation der Zivilgesellschaft an, die sich für strenge und gerechte Massnahmen im Vertrag einsetzt, und unterstützen die Kommunikations– und Lobbyarbeit, die am Veranstaltungsort und in dessen Umgebung geleistet wird.

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SeemaDie Verhandlungen zum Plastikabkommen stocken erneut – aber eröffnen die Chance auf einen Neustart

Lassen sich Meinungen durch Fakten wirklich verändern? Wie eine wirkungsvolle Kommunikation über Plastikabfall gelingt.

by Lydia on 21. Juli 2025 No comments

Wir leben in einer Welt, die sich oft tief gespalten anfühlt. Ob es um Politik, Wirtschaft oder gesellschaftliche Fragen geht – die Gräben zwischen uns wirken grösser denn je. Manchmal sogar innerhalb der eigenen Familie. Es kann verlockend sein, Menschen, die auf Online-Desinformation hereingefallen sind, mit Fakten zu korrigieren. Aber wer schon einmal versucht hat, jemanden allein mit Daten zu überzeugen, nur um zu erleben, wie sich die Person noch stärker in ihrer Haltung verhärtet, weiss: So einfach ist es selten. Fakten, die zur falschen Zeit oder mit dem falschen Ton vermittelt werden, können die Fronten sogar noch weiter verhärten.

Heute nehmen wir dieses Thema unter die Lupe – als Erinnerung an uns selbst und an alle, die daran arbeiten, den Status quo zu verändern. Denn Wissen ist Macht, aber emotionale Intelligenz ist eine Superkraft.

Warum reichen Fakten manchmal nicht aus?

Wir gehen oft von einer einfachen Kettenreaktion aus: Wenn die Menschen Bescheid wissen, interessieren sie sich dafür, und wenn sie sich dafür interessieren, handeln sie auch. Das ist in der Realität jedoch viel komplexer.

Die Wahrheit ist zwar wichtig, und Wissen ist wichtig – vor allem in einer Zeit, in der die Welt von Desinformationen überschwemmt wird -, aber die Bombardierung der Menschen mit Fakten kann oft nach hinten losgehen. Umweltorganisationen zum Beispiel veröffentlichen oft Horrorgeschichten über Umweltverschmutzung, giftige Chemikalien oder den Klimawandel.

Aber wenn die Wahrheit zu überwältigend, beängstigend oder unbequem ist, um sich ihr zu stellen, kann sie dazu führen, dass man sich abschottet, anstatt sich zu engagieren. Wir gehen in den Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsmodus über – eine natürliche menschliche Reaktion, um uns vor dem zu schützen, was uns unbeherrschbar erscheint.

Allein auf ein Problem hinzuweisen, führt nicht automatisch zu Aktionen, insbesondere wenn die Veränderungen zu gross, zu schwierig oder zu entmutigend scheinen.

Was hält Menschen davon ab, zu handeln?

Dieses Gefühl der Machtlosigkeit oder der Mangel an einer klaren Richtung schreckt die Menschen ab. Menschen können nicht handeln, wenn sie nicht wissen, was sie tun sollen, oder wenn sie daran zweifeln, dass ihr Zutun etwas bewirkt.

Hier sind einige häufig anzutreffende Annahmen, die uns möglicherweise vom Handeln abhalten:

  • „Veränderungen sind teuer und fordern Opfer.“ Die Vorstellung, dass ein nachhaltigerer Lebensstil oder das Eintreten für Veränderungen eine finanzielle Belastung darstellt oder den Verzicht auf Annehmlichkeiten bedeutet.
  • „Was ich auch tue, es macht sowieso keinen Unterschied.“ Das lähmende Gefühl der Sinnlosigkeit lässt Menschen glauben, dass ihre individuellen Bemühungen angesichts globaler Herausforderungen bedeutungslos sind.
  • „Es ist einfacher, in meiner Blase zu bleiben, als mich der Krise zu stellen.“ Eine Form der Vermeidung – es liegt in der menschlichen Natur, nach Komfort zu streben und Unangenehmes zu meiden. Sich bedrückenden Realitäten zu stellen, kann emotional sehr belastend sein.

Diejenigen, die ein Interesse daran haben, dass alles beim Alten bleibt, werden diese Überzeugungen auch in ihren eigenen Medienkanälen ausnutzen und verstärken. Sie werden die Wissenschaft entweder gänzlich leugnen oder ihr unglaubliche Kräfte zusprechen: „Die Wissenschaft wird eine Lösung finden, wir müssen nichts tun.“
Das beruhigt die Menschen und befreit sie von Schuldgefühlen und Verpflichtungen.

Aber was funktioniert?

Um echte Veränderungen von unten anzustossen, brauchen Menschen mehr als nur Fakten: Sie brauchen Unterstützung, Motivation und das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können. Genau das haben wir bei Trash Hero aus erster Hand erlebt – in Gemeinschaften, die Veränderungen oft zunächst ablehnend gegenüberstanden.

So versuchen wir, Menschen für unsere Mission zu begeistern:

  1. Empathie und Verbundenheit: Halte dein Urteil zurück

Anstatt zu fragen „Warum machst du das?“ oder jemandem zu sagen „Du irrst dich“, solltest du Gespräche mit Mitgefühl und Neugierde angehen. Wir alle werden von den Systemen um uns herum geprägt. Inspiration bewegt Menschen, während Angst und Scham oft lähmende Faktoren sind.

  1. Sprich zuerst die Identität und Werte an, bevor du Fakten präsentierst

Menschen handeln am ehesten, wenn ihr Verhalten mit dem übereinstimmt, wer sie sind oder wer sie sein wollen. Wir ermutigen unsere Freiwilligen, ihr eigenes „Warum“ – ihre persönliche Motivation für den Wunsch nach Veränderung – zu teilen und Geschichten über Gerechtigkeit, Gemeinschaftssinn und Mut zu erzählen. Diese Erzählungen geben Hoffnung, die nicht naiv ist, sondern eine starke Motivationskraft darstellt.

  1. Geh mit gutem Beispiel voran

Taten sagen wirklich mehr als Worte. Wir sind soziale Wesen und lernen durch Beobachtung anderer. Wenn Menschen sehen, dass wir kompostieren, wiederverwendbare Gegenstände benutzen oder respektvoll unsere Meinung sagen, erscheinen ihnen diese Handlungen möglich und normal.

  1. Mach es einfach und gemeinschaftlich

Verhaltensänderungen setzen sich durch, wenn sie normal und sichtbar sind und gefördert werden. Ist Abfallreduzierung einfach und wird zu einer gemeinsamen Aktivität, fördert dies das Zugehörigkeitsgefühl und der Weg schreckt weniger ab. Irgendwann erreichen wir einen Wendepunkt – und wenn sich die Kultur ändert, folgen oft auch die Systeme.

  1. Kleine Schritte mit sichtbarer Wirkung und Wiederholungseffekt

Grosse, überwältigende Ziele lähmen uns. Kleine, erreichbare Schritte mit sichtbarer Wirkung – wie Aufräumaktionen mit Aufklärung – helfen uns, voranzukommen. Konsequentes Handeln schafft Gewohnheiten und Vertrauen und erreicht mit der Zeit ein breiteres Publikum.

  1. Relevanz für den Alltag

Menschen müssen spüren, dass Umweltprobleme mit ihrem Alltag zu tun haben. Wie wirkt sich die
Plastikverschmutzung auf ihren Park, ihre Gesundheit oder ihre Gemeinschaft aus? Wenn Menschen die unmittelbare Relevanz eines Problems für ihr eigenes Leben erkennen, wird es persönlicher und dringlicher.

Sei der Wandel, inspiriere den Wandel

Die Wahrheit ist wichtig, aber ebenso wichtig ist, wie wir sie vermitteln. Grosse Veränderungen beginnen mit besseren Gesprächen. Wir müssen unser Mitgefühl, unsere Verbundenheit und unser konsequentes Vorbild neben unserem Wissen und unseren Daten einsetzen, um effektiv zu sein. Das braucht Zeit und Geduld, führt aber letztendlich zu besseren Ergebnissen als der Versuch, eine Diskussion zu „gewinnen“, Schuldzuweisungen zu machen oder mit Effekthascherei zu arbeiten.

Wir haben diese Erkenntnisse in einem Social-Media-Post zusammengefasst – zusammen mit einigen Fallbeispielen erfolgreicher Umweltkampagnen. Die Posts sind auf Englisch. Bitte teile sie, damit mehr Menschen die Kraft der emotionalen Intelligenz in der Zero-Waste-Bewegung verstehen.
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LydiaLassen sich Meinungen durch Fakten wirklich verändern? Wie eine wirkungsvolle Kommunikation über Plastikabfall gelingt.

Warum die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) nicht funktioniert und was wir dagegen tun können

by Seema on 19. Juni 2025 No comments

Wo auch immer du das liest, halte kurz inne und schau dich um. Wahrscheinlich siehst du überall Produkte, die absichtlich für eine kurze Lebensdauer konzipiert wurden: Verpackungen, die nach einmaligem Gebrauch weggeworfen werden, Elektronik mit geplanter Obsoleszenz, Geräte, die nicht repariert werden können, und schnelle Mode, die bereits nach einer Saison schäbig wirkt.

Jahrzehntelang wurde die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) als Lösung angepriesen – ein politisch geprägtes Konzept, durch das die Hersteller für die Umweltkosten ihrer Produkte zur Rechenschaft gezogen werden. Die Theorie ist einfach: Wenn Unternehmen für ihre Produkte nach deren Gebrauch verantwortlich gemacht werden, werden sie bessere, langlebigere und weniger umweltschädliche Produkte entwickeln.

Aber das trifft in der Praxis keineswegs zu. Ein neuer Bericht von Zero Waste Europe, in dem die letzten 30 Jahre der EPR- Umsetzung in der EU und darüber hinaus analysiert wurden, zeigt, dass die Abfallmengen immer noch weiter zunehmen, die Recyclingraten stagnieren und die Wiederverwendungsraten in dieser Zeit sogar drastisch gesunken sind1. Viele Hersteller haben einfach nur Bussgelder gezahlt, um die Vorschriften einzuhalten – ohne ihre Produkte zu verbessern bzw. bessere Lieferungs- oder Vermarktungsstrategien in Betracht zu ziehen.

Irgendetwas ist da gründlich schiefgelaufen. Die Idee der EPR überzeugt nach wie vor, aber die heutigen Systeme müsse grundlegend überarbeitet werden, wenn sie ihr Versprechen einlösen sollen.

Was ist EPR?

Die erweiterte Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR) ist genau das, wonach sie klingt: die Ausweitung der Herstellerverantwortung über den Verkauf hinaus. Anstatt Produkte am Ende ihrer Lebensdauer zum Problem eines anderen werden zu lassen, machen EPR-Massnahmen Unternehmen finanziell, logistisch und manchmal auch physisch dafür verantwortlich, was mit ihren Produkten und Verpackungen geschieht, wenn die Verbraucher*innen sie nicht länger verwenden.

Ursprünglich sollten damit die Umweltauswirkungen von Produkten zu Geschäftskosten gemacht werden, um so Anreize für die Hersteller zu schaffen, Produkte zu entwickeln, die leichter wiederverwendet, repariert und recycelt werden können – oder besser noch, um Abfall von vornherein zu vermeiden.

Doch allzu oft wird diese Verantwortung heute „verdünnt“. Die Unternehmen zahlen am Schluss symbolisch Gebühren, um die Abfallabfuhr, Rücknahmeprogramme oder ein paar zusätzliche Recyclingbehälter zu finanzieren – praktisch ein „Zahl, damit du verschmutzen kannst“-System.

Wie das derzeitige System funktioniert

Heute funktionieren die meisten EPR- Systeme folgendermassen:

  • Die Hersteller zahlen Gebühren in ein kollektives System, das häufig von einer Herstellerverantwortungsorganisation (Producer Responsibility Organisation, PRO)
    betrieben wird.
  • Die PRO finanziert die Abfuhr, die Sortierung und das Recycling (oder die Entsorgung) von Abfallprodukten.

Hersteller behaupten sogar, dies schliesse den Kreislauf, doch in Wahrheit weist das System gravierende Mängel auf:

  1. End-of-life: Der Schwerpunkt liegt nach wie vor auf dem Recycling und nicht auf der Abfallvermeidung oder der Förderung der Wiederverwendung. Dadurch wird Abfall als unvermeidlich angesehen und nicht als etwas, das durch bessere Gestaltung und Infrastruktur vermieden werden kann. Wie der Bericht von Zero Waste Europe aufzeigt, hat die Umsetzung der EPR ohne Wiederverwendungsziele dazu geführt, dass die Wiederverwendung die am wenigsten bevorzugte Option ist.
  1. Gebührenstrukturen: Hersteller zahlen oft nach Gewicht oder allgemeinem Materialtyp (z. B. „Metall“ oder „Plastik“), ohne dass die Öko-Modulation stark genug ist, um wirklich nachhaltige Strukturierung zu belohnen und schlechte zu bestrafen. Dadurch wird der Anreiz zur Innovation geschwächt.
Durch die Öko-Modulation werden die EPR-Abgaben auf der Grundlage der Umweltleistung einzelner Produkte angepasst, sodass es weniger kostet, das Richtige zu tun, und teurer ist, wenn man die Umwelt verschmutzt. Beispiel: Eine wiederverwendbare Glasflasche = niedrigere EPR-Abgabe. Ein Plastikbeutel mit
mehreren Materialschichten, der nicht recycelt werden kann, bedeutet eine viel höhere EPR-Gebühr. Ziel ist es, starke finanzielle Anreize bei der Produktentwicklung zu schaffen, umweltfreundlicher zu sein – nicht nur für die Abfallwirtschaft, sondern für die Abfallvermeidung.
  1. Mangelnde Gesetzgebung: Viele PROs werden von der Industrie kontrolliert und regulieren sich selbst, was zu einem Interessenkonflikt führt. Die Hersteller haben wenig Motivation, sich ehrgeizige Ziele für die Wiederverwendung oder hohe Umweltstandards zu setzen, wenn sie sich selbst kontrollieren. Gleichzeitig stellen die Einnahmen, die sie der Regierung zur Verfügung stellen, eine Plattform für Lobbyarbeit dar und ermöglichen es ihnen zu behaupten, dass sie etwas tun.
  1. Fehlende Transparenz: Es ist oft unklar, welche Ziele die PROs verfolgen (wird z. B. „Recycling“ an der Sammelstelle oder bei der Lieferung an eine Recyclinganlage gemessen?), ob sie erreicht werden, wie die Mittel verwendet werden oder was wirklich mit den gesammelten Abfällen geschieht. Infolgedessen tragen die Kommunen und die Steuerzahler*innen immer noch einen Grossteil der Verwaltungslast. Betrug und Greenwashing sind echte Risiken.
  1. Fehlende Integration: In den derzeitigen EPR-Vorschriften wird die Abfallwirtschaft nur sehr selten spezifiziert oder kontrolliert. PROs können daher jegliche bestehenden Gesetze zu diesem Thema befolgen, unabhängig davon, ob darin die Verbrennung oder das Recycling in geschlossenen Kreisläufen von Plastik vorgesehen ist. Mit anderen Worten: EPR kann nur dann gut funktionieren, wenn bereits ein gutes Abfallmanagementsystem vorhanden ist.

Die derzeitigen EPR-Systeme verwickeln uns also bestenfalls in eine endlose Abfallwirtschaft und tragen nichts zur Abfallvermeidung, Ressourceneffizienz oder einem gerechten Übergang bei; in den schlimmsten Fällen kämpfen sie sogar gegen ein solches Ergebnis an.

Wie könnten wir dazu beitragen, die EPR wirksam umzusetzen

EPR kann immer noch eine wichtige Rolle bei der Schaffung einer Kreislaufwirtschaft spielen. Aber nur dann, wenn diese grundlegend umstrukturiert wird und der Hierarchie der Abfallwirtschaft folgt, wobei die Vermeidung an erster Stelle steht. Das könnte folgendermassen aussehen:

An erster Stelle stehen Prävention und Ökodesign: Das grundlegende Ziel ist die Verringerung der von uns erzeugten Abfallmenge. EPR-Mittel helfen beim Aufbau von Wiederverwendungssystemen, Nachfüllnetzwerken und Reparaturdiensten – und nicht nur beim Ausbau der Infrastruktur für die Abfallwirtschaft. EPR-Gebühren fördern wiederverwendbare, langlebige und ungiftige Designs.

Starke Öko-Modulation: Die Gebühren belohnen eindeutig nachhaltige Produkte und bestrafen umweltverschmutzende und müllgenerierende Produkte, wodurch greifbare finanzielle Signale ausgesendet werden, die zu besseren Produktedesigns anregen.

Pfandsysteme: Die Verbraucher*innen zahlen einen geringen Aufpreis für Verpackungen und haben so einen Anreiz, diese bei einer Sammelstelle abzugeben, um eine Rückerstattung zu erhalten, sodass dem Hersteller wiederverwendbare Artikel zugeführt werden oder ein hochwertiges Recycling gewährleistet werden kann. (Pfand ist eine Art von EPR und hat sich als die effizienteste und wirksamste Methode erwiesen, hohe Sammelquoten für Verpackungen zu erreichen. Viele Länder, die ein Pfandsystem eingeführt haben, haben Rücklaufquoten von über 90 % erreicht).

Klare, ehrgeizige Ziele: Verbindliche Zielvorgaben für die Abfallvermeidung, die Wiederverwendung, die Recyclingfähigkeit und den Verzicht auf giftige Inhaltsstoffe stehen im Mittelpunkt der EPR- Gesetzgebung, nicht nur die Recyclingquoten. Die Ziele sind klar definiert (d. h. wann und wie sie gemessen werden). Sie sind progressiv und stellen sicher, dass das lokale Abfallwirtschaftssystem in der Lage ist (oder im Laufe der Zeit in der Lage sein wird), sie effektiv zu erfüllen.

Unabhängige Verwaltung: Die Organisationen der Herstellerverantwortung werden unabhängig verwaltet und reguliert und unterliegen einer starken öffentlichen Kontrolle, um eine Vereinnahmung durch die Industrie zu verhindern.

Transparenz und öffentliche Rechenschaftspflicht: Offener Zugang zu Daten, Überprüfung und Überwachung durch Dritte und sinnvolle Sanktionen bei Nichteinhaltung sind Standard.

Integration mit anderen Richtlinien: EPR ist Teil einer umfassenderen Strategie für das Ressourcenmanagement, die zusammen mit der Abfallbewirtschaftung, der Klimapolitik, der Gesundheitspolitik und anderen Strategien für materielle Ressourcen betrachtet wird, sodass sie alle miteinander vereinbar sind. Verbote, Obergrenzen und Handel, Produktionsreduzierung, Wiederverwendungsziele, Steuern und andere politische Instrumente werden neben EPR eingesetzt, um die Kreislaufwirtschaft zu unterstützen.

 

Wenn EPR-Systeme in diesem Sinne umgestaltet werden, können sie zu einer starken Antriebskraft für Innovation, Nachhaltigkeit und Klimaschutz werden, anstatt ein Symbol für Greenwashing und eine schwache „Pay to pollute“-Politik zu stützen. Die Verhandlungen zum globalen Plastikabkommen werden eine Schlüsselrolle dabei spielen, ob dies geschehen wird.

Es liegt auf der Hand, dass die Hersteller nicht nur für das Abfallmanagement verantwortlich gemacht werden müssen, sondern auch dafür, dass weniger Abfälle entstehen. Eine wirkliche Ausweitung ihrer Verantwortung bedeutet, dass sie über das „Recycling“ hinausgehen und Produkte und Infrastrukturen wie Pfandsysteme entwickeln müssen, die Kreislaufwirtschaft zur einfachen Option machen, nicht zur Ausnahme.

  1. In Indonesien wurden 1999 Bier und Erfrischungsgetränke zu 76 % in wiederbefüllbare Behälter abgefüllt. Im Jahr 2019 war dieser Anteil auf 4 % geschrumpft. .
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SeemaWarum die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) nicht funktioniert und was wir dagegen tun können

Plastik im Fernsehen: Zeit für Veränderung

by Lydia on 17. April 2025 No comments

Welches Bild hast du vor Augen, wenn du an eine erfolgreiche, vielbeschäftigte Figur in einer Fernsehserie denkst? Für viele ist es jemand, der entschlossen ein Büro betritt – mit dem Handy in der einen und einem Einweg-Kaffeebecher in der anderen Hand. Dieses Bild von Erfolg und Macht wird seit Jahrzehnten durch Film und Fernsehen geprägt. Man denke an Miranda Priestly in Der Teufel trägt Prada: eine erfolgreiche Frau, deren Assistentin ihr täglich ihre ganz spezielle Kaffee-Bestellung im Einwegbecher bringt. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie Requisiten als Symbole für Charakter und Status dienen. Ein Wegwerf-Lifestyle steht für Erfolg – aber ist das wirklich die Botschaft, die wir dem Publikum vermitteln sollten? Und ganz generell: Sollte Einwegplastik – angesichts der bekannten Auswirkungen – überhaupt noch als positiver oder neutraler Bestandteil der Gesellschaft auf dem Bildschirm gezeigt werden?

Die Rolle der Medien bei der Normalisierung von Verhalten

„Wir werden durch das, was wir sehen, geprägt und geformt.“ – Diana Cohen, Mitbegründerin und Geschäftsführerin der Plastic Pollution Coalition (PPC).

Medien haben die Macht, Verhalten zu normalisieren oder zu problematisieren. Figuren werden beliebt, weil sich Menschen mit ihnen identifizieren, sie bewundern und ihnen nacheifern wollen. Ein Beispiel: Rauchen. Früher Symbol für die „coole“ Figur (z. B. Danny Zuko in Grease), veränderte sich die Darstellung mit wachsendem Bewusstsein für die gesundheitlichen Folgen. Vorschriften schränkten das Rauchen auf dem Bildschirm ein, die Darstellung wandelte sich. Heute ist Rauchen eher Ausdruck von Schwäche, innerem Kampf oder wird mit Bösewichten assoziiert.

Wie aber wird Plastik dargestellt? Eine Studie der PPC aus dem Jahr 2021 fand heraus, dass 93 % des Plastiks in einer Stichprobe populärer TV- und Filmproduktionen von 2019–2020 nicht entsorgt wurden. Von den 7 %, die entsorgt wurden, landeten 80 % als Müll auf der Strasse. Das vermittelt dem Publikum zwei Botschaften:

  1. Plastik verschwindet einfach.
  2. Unverantwortliche Entsorgung wie Littering ist akzeptabel.

Seitdem hat sich das Wissen über die Auswirkungen von Plastik auf unseren Planeten, das Klima und unsere Gesundheit erheblich erweitert – und die öffentliche Meinung hat sich ebenfalls verändert. Es ist klar, dass die Produzent*innen von TV und Film hier aufholen müssen. Werfen wir einen Blick auf einige aktuelle Serien und wie sie den Umgang mit Einwegplastik darstellen – oder eben nicht.

Direkte Hinweise auf Wiederverwendungskultur

Hacks (2021–heute) nutzt den Altersunterschied zwischen der jungen Autorin Ava und der erfahrenen Komikerin Deborah, um Umweltfragen aufzugreifen. In frühen Folgen kritisiert Ava, dass Deborah immer Getränke in Einweg-Plastikbechern bestellt, und überzeugt sie schliesslich, einen Mehrwegbecher zu benutzen. In „One Day“ (Staffel 3, Folge 5) verharmlost Deborah zunächst den Klimawandel: „Die Erde ist Milliarden Jahre alt. Sie korrigiert Schäden von selbst… Glaub mir, alles halb so wild.“ Doch Ava klärt sie Schritt für Schritt auf – in der Schlussszene weist Deborah ihr Make-up-Team schliesslich zurecht, weil es Plastik verwendet. Diese Gespräche wirken dabei nie aufgesetzt. Wie der Hollywood Reporter schreibt, gelingt es der Serie, „tief empfundene Haltungen zu Aktivismus“ nahtlos in den Humor zu integrieren.

Leise Nachhaltigkeit: die Kraft visueller Hinweise

Nachhaltigkeit muss nicht immer explizit angesprochen werden, um Wirkung zu zeigen. Serien wie Shrinking (2023–heute) und Abbott Elementary (2021–heute) zeigen Wiederverwendung einfach als selbstverständlich. In Shrinking von Apple TV ist Gabys „emotional support water bottle“ ein wiederkehrendes Element. Der Umwelteinfluss wird nicht erwähnt – stattdessen geht es darum, wie gut sie hydriert ist, und sie nutzt die Flasche als Gesprächsthema mit Kolleg*innen.

In Disneys Abbott Elementary sieht man regelmässig umweltfreundliches Verhalten. Die Lehrkräfte nutzen wiederverwendbare Kaffeebecher, bilden Fahrgemeinschaften oder gehen zu Fuss zu Veranstaltungen, und es gibt ein Schulgartenprojekt. Einzelne Einwegartikel tauchen zwar noch auf, aber im Grossen und Ganzen ist nachhaltiges Verhalten die Norm – ganz ohne grosses Aufsehen. Dass beliebte, sympathische Charaktere mit Wiederverwendung assoziiert werden, ist ein starkes Signal an das Publikum.

Im Vergleich dazu verpasste Only Murders in the Building (2021–heute) – ebenfalls von Disney – eine Chance, Wiederverwendung als Standard zu zeigen. Die Serie dreht sich um die Freundschaft zwischen Charles und Oliver (beide über 70) und Mabel (Anfang 30). Immer wieder greifen sie zu Einwegbechern und -besteck. Ähnlich wie in Hacks hätte man den Altersunterschied nutzen können, um Gespräche über nachhaltige Gewohnheiten zu zeigen – zum Beispiel Mabel mit wiederverwendbarem Becher, während Oliver und Charles die veraltete Einwegvariante verwenden. Oder einfach alle gemeinsam mit nachhaltigen Optionen – um Wiederverwendung generationsübergreifend zu normalisieren.

Vielleicht sehen wir ja in Zukunft sogar ganze Wiederverwendungssysteme im Serienalltag?

Hinter den Kulissen

Wer erinnert sich nicht an den berühmten Starbucks-Becher, der versehentlich im Set von Game of Thrones stehen blieb? Die Film- und Fernsehbranche ist für ihre Verschwendung bekannt. Ein typischer 60-tägiger Dreh verbraucht 39’000 Einweg-Wasserflaschen. Hinzu kommen Unmengen an Einweggeschirr, Besteck und Kaffeebechern, die täglich verwendet werden. Quinta Brunson, Schöpferin, Autorin und Hauptdarstellerin von Abbott Elementary, spricht offen über die notwendige Veränderung in der Filmbranche. Sie geht mit gutem Beispiel voran und stellt allen am Set wiederverwendbare Flaschen zur Verfügung. Auch Hacks-Showrunnerin Lucia Aniello setzt sich für Nachhaltigkeit ein. Sie arbeitete mit dem Studio zusammen, um Plastikflaschen am Set abzuschaffen und Outfits mehrmals zu verwenden. Unsere Trash Hero Flaschen haben es zwar (noch) nicht vor die Kameras von Hollywood geschafft, werden aber in der Schweiz regelmässig an Filmsets gesichtet, da der Aufnahmeleiter Beni Lehmann sie bei seinen Produktionen ans Team abgibt, um den Verbrauch von Einwegplastikflaschen zu minimieren. Veränderungen, die wir auf dem Bildschirm sehen wollen, sollten sich auch hinter den Kulissen widerspiegeln.

Was muss passieren?

Angesichts der gut dokumentierten gesundheitlichen und ökologischen Schäden durch Plastik muss sich die Darstellung auf dem Bildschirm ändern. Produzent*innen sollten die Darstellung von Plastik mit derselben Verantwortung behandeln wie heute Tabak und Alkohol. Ein bewusster Umgang hätte das Potenzial, nachhaltiges Verhalten stärker zu verbreiten. Zudem würde es den Einstellungen vieler Zuschauenden entsprechen, die sich zunehmend Sorgen über Einwegplastik machen.

Auch wir als Publikum sollten darauf achten, wie Einwegplastik dargestellt wird. Der von der PPC entwickelte Begley-Cohen-Test regt zur kritischen Auseinandersetzung mit Plastik in Medien an.

Um den Test zu bestehen, müssen folgende Kriterien erfüllt sein:

  1. Kein Einwegplastik wird gezeigt
  2. Wenn ein Einwegplastikprodukt gezeigt wird, wird es als problematisch dargestellt oder darüber diskutiert.

Probiere den Test bei deiner nächsten Serie oder deinem nächsten Film aus – und teile deine Beobachtungen! Die Geschichten, die wir sehen, werden mitgestaltet durch den Druck derer, die sie konsumieren. Filme und Serien spiegeln nicht nur unsere Welt – sie prägen auch unsere Wünsche und Ziele. Und was wäre ein besseres Ziel als eine Welt frei von Plastikverschmutzung?

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LydiaPlastik im Fernsehen: Zeit für Veränderung